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wobei der Handschlag Brief und Siegel vertritt, wie im Bunde der
Liebe, und es wird nie der Fall vorkommen, daß ein dortiger Bursch
das einmal angelobte Mädchen böswillig verlassen hätte. Oft freilich
kommt statt des heißersehnten Fahrzeuges die Trauerpost, daß es im
letzten Sturm mit „Mann und Maus verloren gegangen'', und man
findet in den fischländischen Dörfern gar manche junge Wittwe, manche
verlobte Braut, die ihr Leben lang den untergegangenen Geliebten in
stiller Abgeschiedenheit betrauert. Das ist die Poesie des Seelebens, in
wenigen Stunden im Arm der heißen Liebe oder im Schooß des kühlen
Meeres.
Als der Großherzog von Mecklenburg auf seiner größeren Reise im
Orient auch in Constantinopel verweilte, ward im dortigen Hafen sein
Auge durch den Anblick der mecklenburgischen Flagge erfreut, die auf den
Masten zweier stattlichen Schiffe, von denen eins ein sehr schöner Drei-
master war, wehte. Er fuhr an den Bord derselben, unterhielt sich lange
mit den Capitänen, beide ächte „Fischländer", und erbot sich Briefe und
Grüße an ihre Frauen zu überbringen, da er doch wohl früher wie sie,
die noch nach dem schwarzen Meere wollten, die Heimath wieder er-
reichte, was denn auch von denselben dankbar angenommen wurde. Bei
seiner Rückkehr nach Mecklenburg hielt er auch getreulich Wort, machte
gleich einen Ausflug nach dem „Fischland", besuchte die Familien der
Capitäne und schenkte jeder einen silbernen Becher mit dem Datum, an
dem er in Constantinopel bei ihren Männern an Bord gewesen war,
zum Andenken.
Ist das Aeußere der Wohnungen auf dem „Fischlande" schon im
hohen Grade ansprechend und gut gepflegt, so ist es noch mehr das
Innere. Die sauber geweißte Diele, auf der gewöhnlich einige blank
polirte Schränke stehen, ist mit zierlichen holländischen Klinken, stets rein
gewaschen, in bunten Mustern belegt. Das Wohnzimmer ist ganz wie
eine Schiffscajüte, nur in vergrößerter Weise eingerichtet, mit- vielen
Wandschränken in den Wänden, die oft ganz mit gefirnißtem Holz aus-
getäfelt sind. An der Decke hängt gewöhnlich ein gut geschnitztes, bis
auf das kleinste Tauwerk getreues Modell des Schiffes, auf dem der
Mann fährt, von diesem in müssigen Winterstunden zur Freude und
Belehrung ausgeschnitzt, sonst aber noch Kokosnüsse, große Muscheln,
ausgetrocknete Delphine, kurz ähnliche von den Reisen mitgebrachte Merk-
Würdigkeiten. Kommt man als Fremder in eine solche Capitänswohnung,
so wird man auf eben so dringende wie gutmüthige Weise eingeladen,
eine Tasse Kaffee oder Thee, oder ein Gläschen Rum, wenn es kalt ist,
zu trinken, daß man es unmöglich abschlagen kann, was auch sehr übel
genommen würde. Man bekommt dann so guten, starken Kaffee, oder
so feinen Zucker, so ächten Rum, was Alles der Mann von seinen Rei-
sen mitbringt, wie man es nur selten in einer deutschen Binnenstadt
finden wird. Was aber sehr überrascht, ist das vollständige Service