Volltext: [Geschichte des Mittelalters] (Theil 2)

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römischer Bildung vertraut, suchte Theodvrich, sobald er sich in der Herr¬ 
schaft befestigt hatte, durch Förderung der Gewerbe und der Kultur des 
Bodens, durch weise Gesetze und Volkserziehung in dieser unseligen Zeit 
einen geordneteren Zustand zu begründen. Sein Ruhm war: ein Fürst 
des Friedens zu sein. „Mögen andere Herrscher durch Schlachten die 
Beute oder den Untergang eroberter Städte zu gewinnen suchen," so wer¬ 
den seine eigenen Worte angeführt, „unser Vorsatz ist es, mit Gottes 
Hülfe so zu siegen, daß die Uuterthaneu sich beklagen mögen, unsere Herr¬ 
schaft so spät erlangt zu haben." Seine Macht kam seinem edlen Streben 
gleich. „Das Leben des Theodorich bildet das seltene und verdienstvolle 
Beispiel eines Barbaren, der sein Schwert im Stolze des Sieges und in 
der Kraft seines Alters in die Scheide steckt." Könige und Fürsten beugten 
sich seinem Worte und machten ihn zum Schiedsrichter in ihren Streitig¬ 
keiten. Sein wohlthätiger Einfluß erstreckte sich auch über die Grenzen 
seines Reiches. Seine Gemahlin war die Schwester Chlodwig's, des Kö¬ 
nigs der Franken; zwei seiner Töchter waren an die Könige von Burgund 
imb dem westgothischen Spanien vermählt, seine Schwestern an die Könige 
der Vandalen und Thüringer. Die Fürsten verehrten ihn wie einen Vater. 
Als einst Zwist unter ihnen ausbrach, schrieb er an sie: „Ihr Alle habt 
Liebes und Gutes von mir empfangen; ihr seid junge Helden; mir kommt 
es zu, euch zu rathen. Eure Unordnungen betrüben mich, und es ist mir 
nicht gleichgültig, daß ihr euch von Leidenschaften beherrschen lasset." 
Auch für Kunst und Wissenschaft ermangelte Theodorich nicht des 
Sinnes und der Liebe; der gelehrte Geschichtschreiber Cassiodorus war 
sein Rathgeber und sein Freund. „Er ließ aus dem römischen Recht ein 
für die Gothen wie für die Römer gültiges Gesetzbuch fertigen, und zeigte 
sich duldsam in religiösen Dingen. Erst kurz vor seinem Ende geschah es, 
daß auch dieser weise und milde Herrscher von dem Fluch ereilt ward, der 
von Anbeginn an auf dem religiösen Sekteuwesen ruhte. Noch immer 
spann sich der Streit über die Natur Christi fort und das athaua- 
sische und arianische Glaubensbekenutniß trennte die Gemeinschaft der 
Christen. In Konstantinopel regierte zu dieser Zeit Justinus I., 
der aus niedrigem Staude zum Anführer der Leibwache sich emporge¬ 
schwungen und mit Hülfe einer mächtigen Hofpartei, zu welcher besonders 
viele Geistliche gehörten, auf den Kaiserthrou sich erhoben hatte. Er war 
der Meinung, daß das Heil des Staates von der Aufrechthaltung der ein¬ 
mal angenommenen Rechtgläubigkeit abhänge, und erließ die strengsten 
imb härtesten Gesetze gegen oie sogenannten Ketzer, besonders gegen die 
Arianer. Justinus ließ den König Theodorich, der, wie alle Gothen, dem 
Arianismus anhing, auffordern, in Italien die katholische Glaubenslehre 
einzuführen und die Arianer zu vertreiben. Der verständige Gothe ant¬ 
wortete ihm damals: 
„Da die Gottheit es duldet, daß mehrere Religionen bestehen, sollen 
wir es nicht wagen, eine einzige dem Volke aufzudringen. Denn wir erin¬
	        
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