Volltext: [Geschichte des Mittelalters] (Theil 2)

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mehr durch ihr Beispiel, als nach Militärgewalt, wenn sie wacker sind 
und sich auszeichnen; streiten sie an der Spitze, so folgt man ihnen aus 
Bewunderung. Uebrigens darf Niemand, außer den Priestern, (peinlich) 
strafen und in Bande legen, nicht einmal schlagen. Die Strafe tritt nicht 
ein, um zu ahnden, nicht auf Geheiß des Heerführers, sondern gleichsam 
auf Befehl der Gottheit, von der man glaubt, daß sie im Kriege zugegen 
sei; sie nehmen auch gewisse sinnbildliche Gestalten aus den Hainen mit 
in's Treffen. Einen besonderen Antrieb zur Tapferkeit findet man darin, 
daß man die Schwadronen oder Keilhaufen nicht durch Zufall oder un¬ 
gefähren Zusammenlauf, sondern aus Familien und Verwandtschaften 
bildet, in deren Nähe die Liebespfänder sind, daß sie das Heulen der 
Weiber und Schreien der Kinder hören. An diesen hat Jeder die heiligsten 
Zeugen, die wichtigsten Lobpreiser. Die Wunden zeigen sie den Müttern 
und Frauen, die sich nicht scheuen, jene zu zählen und auszusaugen. Auch 
tragen sie den Kriegern Lebensmittel zu und ermuntern sie. Die Ge¬ 
schichte sagt, daß einige Heere, die schon wichen oder zu wanken anfingen, 
von den Weibern wieder zum Stehen gebracht worden seien. Diese flehten 
sie unablässig an, warfen sich ihnen entgegen und zeigten ihnen die nahe 
Gefangenschaft, welche die Männer, um der Frauen willen, als unerträg¬ 
lich fürchten; daher werden die Völker, die zu Geißeln auch edle Mädchen 
geben müssen, zur Treue weit kräftiger verpflichtet. Man glaubte, daß 
den Weibern etwas Göttliches oder Prophetisches inwohne; daher hielt 
man viel auf deren Rathschläge und folgte ihren Aussprüchen. Unter dem 
Vespasian wurde die Veleda bei sehr Vielen lange wie eine Göttin an¬ 
gesehen, und viel früher verehrte man die Aurinia und mehrere Andere, 
nicht etwa ans Schmeichelei und ohne sie zu Göttinnen zu machen. Die 
Treue der Weiber war so groß, daß sie sich nicht selten bei dem Tode 
ihrer Männer selbst den Tod gaben oder wenigstens nie eine zweite Ehe 
eingingen. Die deutsche Frau kann nur einen Mann haben, wie sie nur 
einen Körper nnd eine Seele hat. 
„Was die Berathuugen betrifft, so rathschlagen über minder wichtige 
Sachen die Häuptlinge, über wichtigere urtheilt die ganze Nation, doch so, 
daß auch das, worüber das Volk entscheidet, vor den Oberen verhandelt 
wird. Sie kommen, wenn nicht plötzlich oder zufällig etwas dazwischen 
tritt, an bestimmten Tagen, beim Neumonde oder Vollmonde, zusammen; 
denn sie halten diesen Zeitpunkt für den glücklichsten zu den Verhandlungen. 
Sie rechnen auch nicht nach Tagen wie wir, sondern nach Nächten. So 
schließen sie Verträge ab, so verabreden sie sich; die Nacht scheint bei 
ihnen dem Tage vorauszugehen. Ein Fehler der Freiheit ist es, daß sie 
nicht zugleich, oder wie befehligt, sich einfinden, sondern daß sie zwei und 
drei Tage durch das langsame Herbeikommen zubringen. Wie es dem 
Haufen gefällt, so lassen sie sich bewaffnet nieder. Die Priester, die hier 
auch das Recht haben, zu strafen, gebieten Stille. Dann hört man das 
Oberhaupt oder die Häuptlinge an, je nachdem Jeder Alter und Adel,
	        
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