Volltext: [Geschichte des Mittelalters] (Theil 2)

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Schlüsse und künstliche Begrisfsspielereien, welche, nicht auf dem festen 
Boden der wahrhaftigen Forschung ruhend, dem grübelnden Verstände 
und dialektischen Scharfsinne ein, für die Uebung der Denkkraft endloses, 
für den Gegenstand selbst aber höchst unfruchtbares Feld eröffneten. Schulen 
kämpften gegen Schulen, Nominalisten gegen Realisten unter dem 
Namen der Thomisten und Scotisten (nach ihren Führern so genannt). 
„Es war dies eine geistliche Ritterschaft, die in den Kampfspielen der 
sophistischen Scholastik so gut ihre Lanzen brach, als die weltliche in den 
Schranken ihrer Turnierbahn." Die wunderlichen Namen, welche die 
Streiter sich selbst beilegten, bezeichnen genügend die unerquickliche Art 
ihres Studiums. Es gab „allumfassende, unwiderstehliche, englische, 
seraphische, gründliche und unergründliche, scharfsichtige, unerschöpfliche, 
allerleuchtete Doctores." Der Titel einer Schrift des Tübinger Gottes¬ 
gelehrten Wilhelm von Stuttgart, welcher in Wirklichkeit einer viel späteren 
Zeit, doch dem Sinn und Geist nach unter die ächten Scholastiker gehört, 
heißt: „Die ausgeweidete Maus, oder meisterliche Abhandlung über die 
theologische, dornige und höchst spitzpfündige Frage: ob eine Maus, die 
eine geweihte Hostie verzehrt habe, den Leib Christi bei sich führe 
oder nicht?" 
Gegen solches und ähnliches sinnlose Treiben erhoben sich edle 
geistreiche Männer, so wie überhaupt die unreligiöse Richtung des geist¬ 
lichen Regimentes schon im Stillen eine gewaltige Bewegung im Reiche 
des Geistes vorbereitete. In Frankreich war es Abälard (bekannter 
durch seine unglückliche Liebesgeschichte mit Heloise, als durch seine 
freisinnigen Bestrebungen, welche ihm einen ehrenvollen Platz unter den 
großen Geistern der Wissenschaft einräumen), der den Mißbräuchen muthig 
entgegentrat. Ihm gegenüber stand der Dominikaner Thomas von 
Aquino, das Wunder seiner Zeit und der Lehrer vieler Generationen. 
Als würdiger Repräsentant der poetisch-philosophischen Richtung des 
Christenthums gilt Bonaventura, ein Mann, reich an Begeisterung 
und platonischer Geistesmacht. Aus seinem und des Thomas von Aquino 
Einfluß und Geiste gingen kräftige Prediger hervor, voll innigen Gefühls 
und frommen Eifers, die Reinheit des Glaubens wieder herzustellen. 
Das waren die ersten Vorläufer der kommenden Neuzeit. In Italien 
aber gab es in den Freistätten der Wissenschaft noch immer einige, wenn 
auch wenige Gelehrte, welche den Geist des klassischen Alterthums durch 
die Kenntniß seiner Schriften zu erhalten suchten und die die Sprache 
lehrten, in welcher einst Platon und Aristoteles zu ihren Schülern 
redeten. 
Den theologischen und philosophischen Studien gegenüber, erhoben 
sie nicht weniger strebsam die übrigen wissenschaftlichen Fächer, vor Allem 
die Naturwissenschaften. Johann von Salisbury, Abälard's 
Schüler, Roger Baco, Lehrer der Experimentalphysik, Albertus 
Magnus endlich, der vielgepriesene Lehrer der Weltweisheit in Straßburg,
	        
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