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145« Der brave Mann.
Die Etsch ist ein nicht besonders großer und tiefer Fluß, welcher
aus den hohen Bergen Tyrols entspringt und dann durch die schöne
Ebene des nördlichen Italiens dem Meere zueilt. Wenn aber die
warmen Frühlingswinde den Schnee in den tiefen Thälern und auf
den Bergabhängen von Tyrol rasch wegschmelzen, dann wird der sonst
ruhige Fluß ein wüthender Strom, und das ganze, weite Thal ist mit
Wasser angefüllt, so daß die Gegend mehr einem See, als einem Fluß-
thale gleicht.
Am Ende eines Winters im vorigen Jahrhundert ereignete sich
ein Eisgang der Etsch, welcher eine Ueberschwemmung von fast nie
gesehener Höhe mit sich brachte. Besonders war die Stadt Verona
bedrängt, innerhalb welcher eine alte, steinerne Brücke über den Fluß
führte. Bei der Schnelligkeit, womit das Wasser in der Nacht ge¬
wachsen war, hatte der aus der Brücke selbst in einem kleinen Häus¬
chen wohnende Zöllner die ihm drohende Gefahr nicht eher als am
Morgen bemerkt, wo die Brücke schon auf beiden Seiten von Wasser
umströmt war. Bei gewöhnlicher Strömung des Wassers wäre es eme
Kleinigkeit gewesen, dem armen Manne in einem Nachen zu Hilfe zu
kommen und ihn nebst seiner Familie in Sicherheit zu bringen; aber bei
dem furchtbaren Eisgange getraute kein Schiffer das Wagstück zu un¬
ternehmen, zumal da man hoffte, die Brücke werde der Gewalt des
Wassers und des Eises widerstehen. Aber dem war nicht so. Die
Eismassen drängten sich mit solcher Gewalt gegen die eine Seite der
Brücke, daß einer der Pfeiler wie ein Strohhalm zertrümmert wurde,
und daß mit fürchterlichem Krachen die Schwibbogen nachstürzten.
Nun schien es auch um den mittleren Pfeiler, woraus das Zollhäns¬
chen stand, gethan; denn das Wasser unterwühlte sein Fundament im¬
mer mehr, und die Eisschollen, welche die ganze andere Seite der
Brücke, gleich einer Armee belagerten, drohten jeden Augenblick das
alte Gemäuer zu durchbrechen
Man kann sich denken, in welcher Verzweiflung der Zöllner mit
seiner Frau und seinen Kindern auf diese gräßliche Todesgefahr herab¬
sah, wie sie ihre Hände nach Hilfe ausstreckten, wie ihr Jammerge¬
schrei sogar das Brausen des Stromes und das Getöse des Wassers
übertönte. Man kann sich aber auch vorstellen, daß das Mitlecd mit
den armen Mitbürgern alle Einwohner von Verona an das Ufer ge¬
zogen hatte, und wie selbst die Beherztesten mit gesträubtem Haar auf
dieses Unglück hinsahen, wo keine Rettung möglich schien. Mancher
Schiffer wurde von Erbarmen erfaßt und wollte sein Leben für die
verzweifelnde Familie wagen; aber wenn er wieder die furchtbaren
Wogen betrachtete und an seine eigene Familie dachte, da entfiel ihm
das Herz. Ein reicher Graf, der selbst das Ruder zu führen nicht
verstand, aber doch den Jammer nicht ansehen konnte, rief endlich mit
lauter Stimme: „Helft doch ihr Leute! ich gebe dem, welcher die
Unglücklichen rettet, 200 Goldstücke." Allein das Leben ist mehr werth,
als Gold. Niemand regt sich, um auf das Wort des Grafen das