Object: Für das reifere Jugendalter (Cursus 3)

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ser gehen sollte. Ich hatte des Nachts immer im Walde geschla- 
en, denn es war gerade zur schoͤnsen Jahrszeit, oder in abge— 
egenen Schaͤferhuͤtten; hier traf ich aber gar keine menschliche 
Wohnung und konnte auch nicht vermuthen, in dieser Wuͤdniß 
auf eine zu stoßen; die Felsen wurden immer furchtbarer, ich 
mußte oft dicht an schwindlichten Abgruͤnden vorbeigehn, und 
endlich hoͤrte sogar der Weg unter meinen Fuͤßen auf. Ich war 
Janz trostlos, ich weinte und schrie, und in den Felsenthaͤlern 
hallte meine Stimme auf eine schreckliche Art zuruͤck. NRun brach 
die Nacht herein, und ich suchte mir eine Moosstelle aus, um 
dort zu ruhen. Ich konnte nicht schlafen; in der Nacht hoͤrte ich 
die seltsamsten Toͤne; bald hielt ich es fuͤr wilde Thiere, balv 
fuͤr den Wind, der durch die Felsen klage, bald fuͤr fremoe Vo— 
zel. Ich betete und schlief nur spaͤt gegen Morgen ein. 
Ich erwachte, als mir der Tag ins Gesicht schien. Vor mir 
war ein steiler Felsen; ich kletterte in der Hoffnung hinauf, von 
dort den Ausgang aus der Wildniß zu entdecken und vielleicht 
Wohnungen oder Menschen gewahr zu werden. Als ich aber 
oben stand, war Alles, so weil nur mein Auge reichte, eben so, 
wie um mich her; Alles war mit einem neblichten Dufte uͤber— 
zogen; der Tag war grau und truͤbe, und keinen Baum, keine 
Wiese, selbst kan Gebuͤsch konnte mein Auge entdecken, einzelne 
Straͤucher ausgenommen, die einsam und detruͤbt in engen Fel⸗ 
senritzen empor geschossen waren. Es ist unbeschreiblich, welche 
Sehnsucht ich empfand, nur eines Menschen ansichtig zu werden, 
waͤre es auch, daß ich mich vor ihm haͤtte fuͤrchten muͤssen. Zu— 
gleich empfand ich einen peinigenden Hunger; ich fetzte mich 
nieder und beschloß zu sterben. Aber nach aͤniger Zeit trug die 
Lust zu leben dennoch den Sieg davon; ich raffte mich auf und 
ging unter Thraͤnen, unter abgebrochenen Seufzern den ganzen 
Tag hindurchz am Ende war ich mir meinee kaum noch de— 
wußt; ich war muͤde und erschoͤpft, ich wuͤnschte kaum noch zu 
leben und fuͤrchtete doch den Tod 
Gegen Abend schien die Gegend umher etwas freundlicher zu 
werden; meine Gedaͤnken, mein⸗ Wuͤnsche lebten wieder auf; die 
Lust zum Leben erwachte in allen meinen Adern. Ich glaubte 
letzt das Gesause einer Muͤhle aus der Ferne zu hoͤren; ich ver— 
doppelte meine Schritte, und wie wohl, wie leicht ward mir, 
als ich endlich wirklich die Grenzen der oͤden Felsen erreichte; ich 
sah Waͤlder und Wiefen mit fernen angenehmen Bergen wieder 
hor mir liegen. Mir war, als wenn ich aus der Hoͤlle in ein 
Paradies getreten waͤre; die Einfamkeit und meine Huͤlflosigkeit 
schienen mir nun gar nicht fuͤrchterlich. 
Statt der gehoͤfften Muͤhle stieß ich auf einen Wasserfall, 
der meine Freude freilich um vieles mindertez ich schoͤpfte mit 
der Hand einen Trunk aus dem Bache, als mir ploͤblich war, 
als hoͤre ich in einiger Entfernung ein leifes Husten“ Rie din 
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