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ganz entsetzt, wenn sie mit derben Redensarten herausfuhr, die sie von geringen
Leuten gehört hatte. Lise-Lotte wäre am allerliebsten in Heidelberg geblieben; doch
ihr Vater hielt es um seines Landes willen für nützlich, daß sie den Bruder des mäch—
tigen Königs Ludwig XIV. heiratete, den Prinzen von Orleans. Die arme Prinzessin
mußte gehorchen und kam nun an den glänzenden Hof in Frankreich; aber sie ließ
sich nicht betören und blieb eine deutsche Frau, die ihre alte Heimat lieb behielt.
Von Deutschland hörte sie gern erzählen, eben wie die alten Kutscher und Fuhrleute,
die noch gern die Peitsche knallen hören, wenn sie nicht mehr fahren können. In
der Heimat weilte sie viel mit ihren Erinnerungen. Gern gedachte sie der Gärten
am Heidelberger Schloßberge, in denen sie frühmorgens Kirschen gepflückt und ein
Stück Brot dazu gegessen hatte. Der deutsche Wald war ihr lieber als ein französischer
Park. „Ich sehe lieber Bäume und Erdreich als die schönsten Paläste,“ sagte sie, „und
lieber einen Küchengarten als die schönsten Gärten mit Marmor und Springbrunnen.
Des Wassers, der Wiesen und der Wälder kann ich mein Lebtag nicht müde werden.“
Auch die deutsche Küche zog sie der französischen vor. Tee, Kaffee und Schokolade
konnte fie nicht vertragen. Tee kam ihr wie Heu vor, Kaffee wie Ruß und Feigen—
bohnen; Schokolade war ihr zu süß. Guter brauner Kohl, Sauerkraut, Schinken
und Schlackwurst schmeckten ihr besser; auch Kaltschale und Biersuppe taten ihr
nicht wehe im Magen. Wohl spotteten die französischen Höflinge über die Pfälzerin,
die gar nicht so fein tat, wie die andern Damen am Hofe, und die ihre Meinung
derb heraussagte; aber sie meinte: „Ich halte es für ein großes Lob, wenn man
sagt, daß ich ein deutsches Herz habe und mein Vaterland liebe. Dies Lob werde
ich, so Gott will, bis an mein Ende zu behalten suchen.“
Nach Elisabeth Charlottes Briefen und Andräs Erzählungen.
371. Eine Sehulprüfung König Friedriech Wilhelns IJ.
1. Giesebrügge ist ein Dorf in der Neumark, nieht weit von der
Kreisstadt Soldin. Die Gegend umher ist sandig, zum Teil von Mooren
durehzogen, und lange Striche von Fiehtenwald ziehen sien an mehreren
klaren und fisehreichen Seen entlang. — Es war im Jahre 1730 an einem
Tage im Juli. Eine sehwule, drüekende Stille, wie sie groben Gewittern
vorauszugehen pflegt, lag auf der Gegend, und die Sonne sehien heib von
dem unbewölkten Himmel herab. Das Gewitter blieb nun zwar aus; aber
otwas anderes traf ein, was niemand erwartet hatte, nämlich König Fried-
rieh Wilhelm IJ. Diese königlichen Besuehe waren fast immer plötzüeh
und oft sehrecklich wie Donner und Blitz, aber meist aueh fruchtbar wie
ein Gewitterregen. — Menige Jahre vorher hatte der Kõönig eine neue
ssehule in Giegebrugge eingeriehtet. Zum Baue des Sehulhauses hatte er
das Holz gegeben und einen Sehulmeister, Namens Wendroth, gesehiekt,
veleher Küster und Lehrer geworden war. Von dem früheren RKuster
wurde den Kindern nur der Katechismus eingeprägt. Nun lernten sie
aueh lesen, sehreiben und rechnen und andere nützliche Kenntnisses. An
VNiderwillen gegen die neue dehule fehlte es allerdängs im Anfange
bei manehen Ultern nieht, aber Wendroth war ein fleißäger Mann. Die
RKinder lernten etwas bei ihm. Der König war gewohnt, wo er etwas
Neues gegrundet hatte, aueh selbst naehzusehen, ob es gedieh, und ob
seine Beamten fleibig wvaren und ihre Sehuldigkeit taten. BSeine Pahrten
Anhalt. Lesebuch Oberstufe).
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