18 I. Auswärtige Politik Deutschlands im Zeitalter Bismarcks
russische Angriffe auszudehnen, bei dem Grafen keinen
Anklang.
Nachdem ich nicht ohne Schwierigkeit die Ermächti¬
gung Sr. Majestät dazu erlangt hatte, in amtliche Ver¬
handlungen einzutreten, nahm ich zu dem Zwecke meinen
Rückweg über Wien.
Ich fand bei dem Kaiser Franz Joseph eine sehr
huldreiche Aufnahme und die Bereitwilligkeit, mit uns
abzuschließen. Um mich der Zustimmung meines aller¬
gnädigsten Herrn zu versichern, hatte ich schon in Gastein
täglich einen Teil der für die Kur bestimmten Zeit am
Schreibtische zugebracht und auseinandergesetzt, daß es
notwendig sei, den Kreis der möglichen gegen uns ge¬
richteten Koalitionen einzuschränken, und daß der zweck¬
mäßigste Weg dazu ein Bündnis mit Österreich sei.
Ich hatte freilich wenig Hoffnung, daß der tote Buch¬
stabe meiner Abhandlungen die mehr auf Gemüts¬
regungen als auf politischer Erwägung beruhende Auf¬
fassung Sr. Majestät ändern werde. Der Abschluß
eines Vertrags, dessen wenn auch defensives, doch kriege¬
risches Ziel ein Ausdruck des Mißtrauens gegen den
Freund und Neffen war, mit dem er eben in Alexan-
drowo von neuem unter Tränen und in der vollsten
Aufrichtigkeit des Herzens die Versicherungen der alt¬
hergebrachten Freundschaft ausgetauscht hatte, lief zu
sehr gegen die ritterlichen Gefühle, mit denen der Kaiser
sein Verhältnis zu einem ebenbürtigen Freunde auf¬
faßte. Ich zweifelte zwar nicht, daß die gleiche rück¬
haltlose Ehrlichkeit des Empfindens bei dem Kaiser-
Alexander vorhanden war- aber ich wußte, daß er
nicht die Schärfe des politischen Urteils und nicht die
Arbeitsamkeit besaß, die ihn dauernd gegen die unauf¬