116
gens konnten ja wohl den alten Vater nicht allein lassen.
Er braucht es nicht zu wissen, Herr Schulmeister, wie wir
es anfingen; — genug, wir schlichen uns durch und hielten
die ganze Nacht auf einer buschigen Anhöhe. Links und
rechts blitzte es um uns her; wir sahen bald hier, bald
dort feindliche Mannschaften. Nicht meinetwegen — denn
wie lange werde ich noch reiten? — sondern nur wegen
meiner Söhne seufzte ich in der finstern Nacht: Herr, erhalte
uns! Kaum hatte ich es heraus, als es anfing zu dämmern
und der Morgenstern mir ins Auge blitzte. „Wie schön
leuchtet der Morgenstern!" fiel mir in diesem Augenblick
aus meiner Jugendzeit ein; gar Manches, was ich seitdem
gethan, und — was wohl nicht allemal recht war, hing sich
wie eine Bleilast daran; ich rechnete nach, seit wie viel
Jahren ich in keine Kirche gekommen, und ich that Gott das
Gelübde, wenn ich diesmal davon käme, wieder einmal eine
Andacht zu halten. Dieß hab ich denn nun gethan, und
Er kann wohl denken, ob mir's zu Herzen ging, als wir
sangen: Du Herr bist's, der mich diese Nacht durch deine
Engel hast bewacht!
Mit diesen Worten setzte er sich auf und ritt davon.
61. Wenn die Noth am größten ist, ist Gottes Hülfe
am nächsten.
S. hatte, da er noch praktischer Arzt in A.- war, einen
Schneider, Namens H., der ein gar lieber Mann war. Er
war aus Göttingen gebürtig. Nach seinem Wanderjahren
hatte er sich in A. verheirathet und war nach manchen
Hindernissen Meister geworden. Aber wer kannte in A.
den armen fremden Meister? Niemand ließ bei ihm ar¬
beiten, die kleine Summe, die der gute Mann zum Anfang
gehabt hatte, ging gar bald auf, und H. hatte nun kein
Brod und keine Arbeit. So lange der Mensch noch allein
auf der Welt steht, thut ihm wohl der Hunger auch wehe,
aber er ist doch nur ein körperlicher Schmerz; hat er aber
einmal Frau und Kinder, dann brennen ibm die Thränen,
die der Hunger seinen Lieben auspreßt, wie Feuer auf der
Seele, die Noth wird dann ein den innern Menschen fast
erdrückender, Herz durchbohrender Schmerz.
In der Lage war mein armer H. Die gute Frau
vor langer Noth und Kummer krank, das Töchterchen,