Full text: Thüringisches Lesebuch für die oberen Klassen der Volksschulen

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gens konnten ja wohl den alten Vater nicht allein lassen. 
Er braucht es nicht zu wissen, Herr Schulmeister, wie wir 
es anfingen; — genug, wir schlichen uns durch und hielten 
die ganze Nacht auf einer buschigen Anhöhe. Links und 
rechts blitzte es um uns her; wir sahen bald hier, bald 
dort feindliche Mannschaften. Nicht meinetwegen — denn 
wie lange werde ich noch reiten? — sondern nur wegen 
meiner Söhne seufzte ich in der finstern Nacht: Herr, erhalte 
uns! Kaum hatte ich es heraus, als es anfing zu dämmern 
und der Morgenstern mir ins Auge blitzte. „Wie schön 
leuchtet der Morgenstern!" fiel mir in diesem Augenblick 
aus meiner Jugendzeit ein; gar Manches, was ich seitdem 
gethan, und — was wohl nicht allemal recht war, hing sich 
wie eine Bleilast daran; ich rechnete nach, seit wie viel 
Jahren ich in keine Kirche gekommen, und ich that Gott das 
Gelübde, wenn ich diesmal davon käme, wieder einmal eine 
Andacht zu halten. Dieß hab ich denn nun gethan, und 
Er kann wohl denken, ob mir's zu Herzen ging, als wir 
sangen: Du Herr bist's, der mich diese Nacht durch deine 
Engel hast bewacht! 
Mit diesen Worten setzte er sich auf und ritt davon. 
61. Wenn die Noth am größten ist, ist Gottes Hülfe 
am nächsten. 
S. hatte, da er noch praktischer Arzt in A.- war, einen 
Schneider, Namens H., der ein gar lieber Mann war. Er 
war aus Göttingen gebürtig. Nach seinem Wanderjahren 
hatte er sich in A. verheirathet und war nach manchen 
Hindernissen Meister geworden. Aber wer kannte in A. 
den armen fremden Meister? Niemand ließ bei ihm ar¬ 
beiten, die kleine Summe, die der gute Mann zum Anfang 
gehabt hatte, ging gar bald auf, und H. hatte nun kein 
Brod und keine Arbeit. So lange der Mensch noch allein 
auf der Welt steht, thut ihm wohl der Hunger auch wehe, 
aber er ist doch nur ein körperlicher Schmerz; hat er aber 
einmal Frau und Kinder, dann brennen ibm die Thränen, 
die der Hunger seinen Lieben auspreßt, wie Feuer auf der 
Seele, die Noth wird dann ein den innern Menschen fast 
erdrückender, Herz durchbohrender Schmerz. 
In der Lage war mein armer H. Die gute Frau 
vor langer Noth und Kummer krank, das Töchterchen,
	        
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