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Abendland in bittern Kämpfen gegen die Ungläubigen, und noch in neuester Zeit
erfocht hier Napoleon (1799) einen glänzenden Sieg über Ibrahim Pascha.
2. Die Bewohner. In den Landschaften Galiläas lebte eine zahl¬
reiche, naturkräftige, emsig-fleißige Bevölkerung.*) „Sie aßen, sie tranken,
sie freiten und ließen sich freien, sie kauften, sie verkauften, sie pflanzten,
sie baueten." So schildert Christus das wechselvolle Treiben in seinem
Heimatlande. Für die innerliche Beschaulichkeit des Gottesreichs fanden
die wenigsten Muße. Der Eine hat einen Acker gekauft und muß ihn
besehen, der Andere muß seine neuen Ochsen prüfen, der Dritte hatte
familiäre Abhaltungen oder andere Geschäfte. Doch schätzten sie den Herrn
als großen Wundcrthäter und weisen Propheten. Aus ihrer Mitte stammten
die eifrigsten Jünger Christi, welche mit Feuereifer später die Lehre des
Gottesreichs verkündigten.
Unter der übrigen jüdischen Bevölkerung, namentlich in Jerusalem, waren
die Galiläer aber nicht sehr angesehen. Ihre Nationalität galt nicht für rein, da
infolge des großen Handelsverkehrs in Galiläa (Handelsstraße von Damaskus nach
Ptolömais) viele Phönizier, Syrier, Araber dort ansässig waren, und heidnisch an¬
gelegte Städte (Tiberias!) in ihren Grenzen sich befanden. Über ihre rauhe Sprache
hielt sich in Jerusalem jede Magd auf; man traute ihnen in jeglicher Beziehung
nicht viel zu und witzelte und spöttelte über die Bergbewohner. „Was kann von
Nazareth Gutes kommen?" sagte das Volkssprichwort. Und doch war dieses
Völkchen der Berge unverdorben, wohl abergläubisch, aber nicht angekränkelt
von dem Sektengeist der Bewohner Juda's, körperlich schön und kräftig, wohl leicht
erregbar und leidenschaftlich, aber auch fromm und sittsam. Zu den großen Festen
pilgerten sie in großen Scharen „hinauf gen Jerusalem", um an heiliger Stätte
zu beten.
Auch waren die Galiläer durchaus nicht schlechte Patrioten. Das Volk aus
den Bergen Naphthali zählte bereits zur Richterzeit zu den tapfersten Kämpfern
und unerschrockenen Landesverteidigern. Auch sie haßten das Joch der Römer und
waren bei ihrer angebornen Rauflust in der Regel die Anstifter der Aufstände.
In ihrer leicht erregbaren Phantasie und Thatkraft wollen sie Christus haschen
und ihn zum Könige wider Rom machen. Seinen Einzug in Jerusalem feierten
sie als den des Zionskönigs. Sie haben im jüdischen Kriege zuerst ihre Brust den
Römerheeren eniqeqenqeworfen und als die Letzten die Trümmer Jerusalems Stein
für Stein verteidigt.
VI. Das Bergland von Samarra.
1. Der Karmel, d. h. Baumgarten, ist das einzige größere Ketten¬
gebirge Palästinas. Vom samarischen Berglande ausgehend, erstreckt er sich
zwischen den Ebenen Jesreel und Saron in scharf nordwestlichem Zuge bis
hart an das Mittelmeer. Hier bildet er ein steiles, 130 m Hobes Vor¬
gebirge, während seine Kammwölbung landeinwärts bis 530 w ansteigt.
Als Kalkgebirge ist er reich an Höhlen, namentlich an der Westseite,
Seine Schönheit und Fruchtbarkeit wird in der Bibel oft ge¬
rühmt. Er war reich an Wäldern und festen Weiden, und an seinem Fuße,
*) Nach Angaben des jüdischen Schriftstellers Josephus soll die Zahl der¬
selben über 3 Mill. betragen haben, was indes mit Recht angezweifelt wird.