V. Die serbischen Trochäen. 210. 211. 151
«Schweige, Schwester, wenn du Gott erkennest!
70 Denn gar großes Leid hat mich befallen:
hab ich die acht Brüder doch vermalet,
aufgewartet den acht Schwägerinnen;
aber, als sie all vermalet waren,
da erbauten wir neun weiße Häuser:
75 sieh, davon bin ich so schwarz geworden!'
Und es giengen hin drei weiße Tage,
da zur Reise schickte sich Jelitza,
herliche Geschenke auch bereitend
für die Brüder und die Schwägerinnen:
80 für die lieben Brüder seidne Hemden,
für die Frauen Fingerlein und Ringe.
Dringend wehrte sie der Knab Johannes:
«Bleibe, geh nicht mit mir, liebe Schwester!
warte, bis die Brüder dich besuchen.'
85 Aber nicht ließ sich Jelitza halten,
fertigte die herlichen Geschenke.
Es erhob sich nun der Knab Johannes,
und mit ihm sein Schwesterchen Jelitza.
Aber als sie nah dem Hause waren,
90 stund beim Hause eine weiße Kirche;
da begann der Knab Johannes also,
.Warte hier ein wenig, liebe Schwester,
bis ich nach der weißen Kirche gehe:
als den mittlern Bruder wir vermälten,
95 hab ich dort den goldnen Ring verloren,
laß mich suchen, laß mich, meine Schwester!' —
Und es gieng ins Grab der Knab Johannes.
Stehen blieb sein Schwesterchen Jelitza,
und sie wartete des Knaben lange,
100 harrte lang, dann gieng sie, ihn zu suchen.
Bei der Kirche fand sie frische Gräber,
viele; aber, wo der Knab verschieden,
schneidend Weh durchfuhr sie an der Stätte.
Eilig gieng sie nun zum weißen Hause;
105 aber als sie nahe kam der Wohnung,
horch! da schrie ein Kuckuck aus dem Hause.
Doch es war kein grauer Kuckuck drinnen,
sondern ihre greise Mutter war es.
Als Jelitza jetzt der Thüre nahte,
110 rief sie also ans dem weißen Halse,
«Arme Mutter, öffne mir die Thüre!'
Aus dem Haus antwortete die Mutter:
«Gehe du von hinnen, Pest des Herren!
Todt sind meine Söhne alle neune,
115 willst du auch noch ihre greise Mutter?'
Aber ihr entgegnete Jelitza:
«Arme Mutter, öffne mir die Thüre!
Nicht die Pest des Herren ist ja draußen,
's ist dein liebes Töchterchen Jelitza!' —
120 Drauf die Pforte öffnete die Mutter,
und sie schrie und ächzte wie ein Kuckuck.
Fest umschlingend sich mit weißen Armen
sanken Beide todt zur Erde nieder.
211. Der himmlische Garten.
(3. G. i
^NAximina, die an ihres Vaters
Herzen hieng, denn nach der Mutter Tode
hatt' er sie, sein einzig Kind, erzogen
und der Mutter Bild in ihr geliebet,
5 Maximina hieng auch nach des Vaters
Tod an seinem Herzen, und, verlaßen,
wie ein Lamm in öder wilder Wüste,
sehnte sie sich oft zu ihm hinüber:
«Ach, daß ich ihn einmal schauen könnte,
IO droben, dort in seinem Paradiese!'
Und ein süßer Schlaf umfieng sie freundlich,
und sie sah im holden Traumgesichte
eineu Garten voll der schönsten Blumen,
die auf Erden sie noch nicht gesehen.
15 Goldne Früchte glänzten auf den Bäumen,
deren Zweige klingend sich bewegten.
Freundlich kam der Vater ihr entgegen:
-Sieh, o Kind, wie angenehm ich wohne!'
Nahm sie bei der Hand und zeigt' ihr tausend
20 schöne Blumen. — «Laß mich,' sprach sie träumend,
«diese junge Rosenknospe brechen —'
«Brich sie, wenn du kannst.' Die Knospe wich ihr.
kSieh, o Tochter, eben das war deine
Lebensblum. Unausgeblühet kannst du,
e r d c r.)
25 darfst du sie nicht brechen: unter Dornen
blühet sie, doch voll und schön und einsam.'
«O so zeige mir dann, guter Vater,
dein' und meiner Mutter Lebensblume.'
«Siehe hier auf einem Stengel beide,
30 eine längst, die andre kaum verblühet.'
Wundernd sah sie jetzt die vielett Blumen,
Rosen, Lilien und Hyacinthen,
Knospen, blühend und verwelkend. «Tochter,'
sprach die himmlische Gestalt, und wurde
35 leuchtender, «du siehest hier den weiten
Lebensgarten auserwählter Menschen.
Engel wachen über Bäum und Früchte.
Deiner Knospe Hüter sind wir beide,
ich und deine Mutter.' — «Ach, wo ist sie?'
40 Glänzend gieng die schönste der Gestalten
ihr vorüber, und das Kind erwachte.
Paradies und Vater war verschwunden.
Aber immer blieb ihr tief im Herzen
dieser Traum; auch sehnlich wünschend wollte
45 sie die Lebensknospe eh nicht brechen,
eh cs ihres unsichtbaren Wächters
linde, leise Vaterhand geböte.