72 Die koloniale Stellung der europäischen Mächte.
2. Unsere hochentwickelte Industrie bedarf sicherer Absatzmärkte, da sie
weit über den Bedarf des Heimatlandes Erzeugnisse liefert (Ausfuhr der Fabrikate 1910:
fast 5 Milliarden Mark). Diese Sicherung des Absatzes erscheint um sv dringlicher,
als die meisten Großstaaten (Rußland, Frankreich, Amerika) durch hohe Schutzzölle sich
abschließen. Selbst in Großbritannien, das noch den Grundsatz des Freihandels hoch-
hält, besteht schon eine starke Strömung, das ganze britische Reich zu einem Zollbund
zu vereinigen und die Einfuhr andern Ländern zu erschweren. So nötigt uns auch
die Rücksicht aus die Lage unserer Industrie, nach Gebieten uns umzusehen, ans denen
wir nicht verdrängt werden können. Freilich müssen die Bewohner der Tropen-
kolonien durch geeignete Erziehung für europäische Jndnstrieerzengnisse erst aufnahms-
fähig gemacht werden.
Der Besitz von Kolonien erscheint auch vom Gesichtspunkte des deutschen
Handels aus sehr vorteilhaft. Dieser hat sich von 9,7 Mill. Mk. i. I. 1890 bereits
auf 230 Mill. Mk. i, I. 1910 (ohne Kiautschou) gesteigert, also im Verhältnis von 1 : 24.
Ein Volk von so großer Zahl und so hochentwickelter Kultur wie das deutsche,
hat das Recht und die Pflicht, feine Trieb- und Lebenskraft anch auf außerenro-
päifchem Boden zu betätigen. „Ein Volk, das darauf verzichtet, den eigenen Geist und
die eigene Art zur Geltung zu bringen in dem vielfarbigen Bilde menschlicher Knltnr,
versäumt feine Pflicht nicht nur gegen sich selbst, sondern anch gegen die Menschheit"
(Dietrich Schäfer).
Endlich ist die Weltmachtstelln n g Deutschlands nicht zum geringsten
Teile auch durch seinen Kolonialbesitz verbürgt.
A. Afrikanische Kolonien.
1. Togo.
Togo ist zwar unter unseren afrikanischen Kolonien die kleinste — sie
hat ungefähr die Größe Bayerns —, erfreut sich aber der dichtesten Bevölkerung
(1 Mill. E., 11 auf 1 qkm). Zudem sind die Togoneger der küstennahen
Gegenden, die Ewe, friedfertige und fleißige Ackerbauer.
An Kulturerzeuguisseu kommen vor allein Mais und Baumwolle,
welch letztere dort Volkskultur ist, in Betracht. „ Für die Ausfuhr liefern aber
weitaus die größten Werte Kautschuk und ÖlpalmenProdukte (Palmöl,
Palmkerue). Die Olpalme gedeiht vortrefflich in der Küstensavanne, während
in den Wäldern des gebirgigen Hinterlandes, das übrigens nur selten 1000 m Höhe
erreicht, die Gummiliane auftritt, deren Milchsaft das Kautschuk liefert^). Der euro-
päifche Plantagenbau ist vorerst noch vou untergeordneter Bedeutung. Bon den
Einfuhrartikeln stehen dem Werte nach an erster Stelle Baumwollgarne uud-gewebe;
ansehnlich ist seruer die Einfuhr von Baumaterialien und Eisenwaren, leider anch
von Spirituosen. An dem gesamten Warenhandel (1910 — 16 J/3 Mill. MJ ist
Deutschland mit etwa 3/5 beteiligt. Er liegt größtenteils in den Händen von Ham-
burger und Bremer Firmen, die an der Küste ihren Sitz haben. Ein dauernder
Aufenthalt von Europäern ist übrigens des tropischen Klimas wegen ansge-
schlössen.
i) Ausfuhr 1910:
Llpalmenprodukte 3 267 000 M. Baumwolle 456 000 M.
Kautschuk . . . 1 147 000 „ Mais . . 290000 „