Volltext: Altdeutsches Lesebuch

Die Hiide-Gudrunsage. 
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„Erst soll Hognis Herz in der Hand mir liegen, 
aus blutender Brust des Bruders geschnitten, 
des schneidigen Reiters, mit scharfem Messer." 
Sie schnitten dem Hjallist das Herz aus der Brust 
und brachten es Gunnar auf blutiger Schüssel. 
So redete Gunnar, der Recken Gebieter: 
„Hier halt' ich das Herz Hjallis, des feigen, 
das dem Herzen des Helden Hogni nicht gleicht: 
auf der Schüssel noch schmählich bebt es, 
als die Brust es barg, erbebt' es noch mehr." 
Es lachte Hogni. als das Herz man ihm ausschnitt, 
nicht kannte das Klagen der kühne Helmbaum.2) 
Sie brachten es Gunnar auf blutiger Schüssel. 
So sprach jetzt Gunnar, der Speernistung: 
Hier halt' ich das Herz Hognis, des kühnen, 
das dem Herzen nicht gleicht Hjallis, des feigen: 
es bebt nicht sehr auf dem Boden der Schüssel, 
als die Brust es barg, erbebt' es noch minder. 
Nicht schauen wirst du die Schätze jemals, 
wie dich selbst, o Atli, kein Auge bald sieht. 
„Nun weiß ich allein, wo die Wogenglut liegt, 
der Hort der Niflunge — Hogni ist tot; — 
als wir zwei noch gelebt, war mein Zweifel schwach, 
nun als letzter ich leb', bin ich ledig des Zweifels. 
Der reißende Rhein nun hüte, was Recken zum Streit entstammte, 
das einst die Äsen besessen, das alte Nislungenerbe! 
Im rinnenden Wasser besser sind die Ringe des Unheils verborgen, 
als wenn an hunnischen Händen das helle Gold erglänzt! 
Gefesselt ist der Feind, nun führt herzu die Wagen! "s) 
Zum Tode schleppte der Träger des Zaums 
den Helden Gunnar, den Hüter der Schätze. 
Bald danach nahm Gudrun furchtbare Rache an Atli und brachte ihn 
und sein ganzes Geschlecht um und wählte zuletzt selbst den Flammentod. 
2. Die Hilde-Gudrunsage^) 
(ebenfalls aus Snorris Edda). 
Ein König, der Hognis genannt war, besaß eine Tochter, die 
Hildch hieß. Diese führte Hedin, ?) der Sohn des Hjarrandi, als 
Kriegsgefangene fort, während Hogni sich zur Königsversammlung begeben 
hatte. Als er nun erfuhr, daß sein Land verheert und seine Tochter Hild 
geraubt war, zog er mit seinem Heere aus, um Hedin zu verfolgen, und 
erhielt die Kimde, daß er gen Norden sich gewandt habe. Hogni kam nach 
Norwegen und vernahm hier, daß Hedin über das Westmeer nach den 
Orkneys gesegelt sei; und als er nun dorthin zu der Insel Haeych ge¬ 
langte, fand er daselbst den Hedin mit seinem Volk. Hilde begab sich nun 
zu ihrem Vater und bot ihm im Namen Hedins Vergleich an: „Willst du 
das aber nicht," sagte sie, „so ist Hedin zum Kampfe bereit, und keine 
J) einem Sklaven. — 2) Umschreibung für Held. — s) die Gunnar zur 
Schlaugengrube bringen. — 4) Diese Geschichte ist eine ältere Fassung der Hildensage, 
die aus dem mittelhochdeutschen Gedicht „Gudrun" bekannt ist. — °) Hogni ist der 
Hagen der „Gudrun". — 6) Hild, d. h. die „Kämpferin". — 7) Hedin ist der 
Hetel der „Gudrun". — 8) Haey d. h. „die hohe Insel", heute Hoy.
	        
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