II. Aus der Heldendichtung.
J. Geistliche Keldendichtung: Dcrs Leberr Jesu.
a) Aus dem Heliand, Z
Stillung des Sturmes, ü Petrus wandelt auf dem Meere.
Da waren gekommen
Aus allen Völkern viele zum Christ
Um des Mächtigen Schutz. Doch das Meer wollte befahren
Das Gotteskind mit den Jüngern dicht bei Galiläa,
5 Der Waltende, die Wogen, und weiter ließ er ziehen
die übrige Menge, nur mit einigen stieg er
In einen Kahn am Ufer, Christ, der Erretter,
Reisemüde, und es rückten am Segel
Die des Wetters Erfahrenen. Den Wind im Rücken
10 Über den Meerstrom trieben sie, bis zur Mitte des Wassers
Gelangte der Waltende. Doch ein Wetter begann da,
Es erhoben sich Wirbel, und es wuchsen die Wogen,
Schwarz braute ein Wetter, es brauste die See,
Wind kämpfte mit Wasser, und die Kühnen zagten, .
15 Als die Wogen wallten; nicht wähnte da noch einer
Länger zu leben, und den Landeshort weckten
Sie auf mit Worten, das Wetter ihm meldend —
Und baten um Gnade, daß das Gottkind hülfe
Wider den Meersturm, sonst müßten sie alle
20 Hier in Todesnot finken und im See sterben.
Da erhob sich selber der Sohn unsres Gottes
Und mahnte die Jünger, daß sie ja nicht verzagten
In keinerlei Weife im Kampfe des Wetters.
„Warum seid ihr so furchtsam? Nicht fest ist der Mut euch,
25 Zu klein euer Glaube. Denn kurze Zeit währt es,
Dann sollen die Ströme stiller werden
Und voll Wonne das Wetter." Dem Winde gebot er
st Das Gedicht gehört insofern in die Heldendichtnng, als es die Geschichte des
Heilandes ganz in heldenhafter Weise aufsaßt und sich der Ausdrucksweise und metrischen
Form des Heldengesangs bedient. Es ist auf Anregung Ludwigs des Frommen
(ch 810) von einem sächsischen Geistlichen verfaßt. Näheres geben die Denkmäler 11,
3 in der Übersetzung I. Seilers. Die hier mitgeteilten Proben zeigen die Eigenart des
tapferen und seeknndigen Sachsenvolkes. — ch Die anschauliche Schilderung des Meer¬
sturmes ist um so bemerkenswerter, als in der Bibel nur die wenigen Worte zu
finden sind: Ecce motus magrnis factus est in mari, ita ut navicula operiretur
fluctibus. Matth. 8, 24.