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8. Da sprach der Herr von Seeland: „Ihr Mädchen minniglich, 
Wem gehören diese Kleider? deß bescheidet mich. 
Hört ohne Falsch uns bitten; zu Ehren allen Maiden, 
Ihr minniglichen Frauen, sollt ihr nicht von dem Gestade scheiden." 
9. Da sprach die edleGudrun: „Ich deuchte mich geschmäht, 
Da ich ein Mädchen heiße, und ihr mich habt gefleht 
Bei aller Mädchen Ehre, wenn ich euch bitten ließe," 
So sprach zu ihm die hehre; „drum müssen meine Augen überfließen." 
10. Sie gingen in den Hemden; die waren naß zu schaun; 
Besser einst gekleidet sah' man die edeln Frau'n. 
Vor Kälte mußte beben das arme Ingesinde; 
Kläglich war ihr Leben; sie umwehten kalte Märzenwinde. 
11. Es war in den Tagen, da der Winter Abschied nimmt, 
Und der Vogel mit Zagen die Kehle wieder stimmt, 
Daß er singe seine Weise, wenn der März entschwunden. 
In Schnee und in Eise wurden die armen Waisen gesunden. 
12. Mit gesträubten Haaren kamen sie heran. 
Wie ihnen beiden waren die Häupter wohlgethan, 
Doch sah man ihre Locken zerzaust vom Märzenwinde; 
Ob es regnete oder schneite, weh war dem armen Ingesinde. 
13. Das Meer allenthalben noch mit dem Eise floß, 
Das sich zerlassen wollte; ihre Sorge die war groß. 
Durch die Hemden schienen weiß wie der Schnee 
Die minniglichen Glieder; ihnen schuf die Scham vor Fremden Weh. 
14. Herwig der edle ihnen guten Morgen bot. 
Wohl wär' den Heimathlosen ein guter Morgen Noth. 
Von ihrer bösen Meisterin hörten sie nur Schelten; 
Guten Morgen, guten Abend kam den minniglichen Maiden selten. 
15. „Ihr sollt uns hören lassen," sprach Herr Ortewein, 
„Wem diese reichen Kleider aus dem Strande sei'n, 
Oder Wem ihr waschet; ihr beiden seid so schöne. 
Wer thut euch das zu Leide? Daß ihn Gott vom Himmel immer höhne ! 
16. _ Ihr seid so schön, ihr dürfet wohl die Krone tragen 
Und einem reichen König als Erbinnen behagen. 
Landesfrauen heißen solltet ihr mit Ehre. 
Dem ihr so schmachvoll dienet, hat er so schöner Wäscherinnen mehre?" 
17. Da sprach mit trübem Blüthe das schöne Mägdelein: 
„Er hat noch manche schöner, als wir mögen sein. 
Nun fraget, was ihr wollet; würd es die Meist'rin inne, 
Es möcht' uns schlimm bekommen, säh' sie uns mit euch sprechen von 
den Zinnen." 
18. „Laßt es euch nicht verdrießen, und nehmet unser Gold, 
Guter Spangen viere; das sei euer Sold, 
Daß ihr schöne Frauen uns Kunde möget sagen; 
Wir geben sie euch gerne, daß ihr Bescheid uns gebt auf unsre Fragen."
	        
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