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Title:
Lehrbuch zur Kenntniß der verschiedenen Gattungen der Poesie und Prosa für das weibliche Geschlecht, besonders für höhere Töchterschulen
Persons:
Nösselt, Friedrich Borberger, Robert
PURL:
https://gei-digital.gei.de:443/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:0220-gd-13592319
<br> lären d. i. allgemein verständlichen. Die eigentliche Philoso¬ <br> phie z. B. würde zu diesem Kreise nicht gehören, theils weil <br> man dem weiblichen Geschlecht die Anstrengung des Verstandes, <br> die nöthig ist, um dem Vortrage der Philosophie zu folgen, nicht <br> zumuthen kann, theils weil die dabei vorkommenden wissenschaft¬ <br> lichen Ausdrücke unbekannt sein würden. Folgendes würde z. B. <br> dahin gehören: <br> „Eine Wahrheit heißt empirisch, sofern sie ans Erfahrung gegründet ist, <br> d. h. sofern sie darum als wahr angenommen, weil die Erfahrung das lehrt, <br> was sie aussagt. Dagegen ist eine Wahrheit rational, sofern sie nicht auf <br> Erfahrung beruht. Bei einer rationalen Wahrheit muß die Vernunft ohne <br> Hilfe der Erfahrung einsehen, daß dasjenige stattfinde, was diese Wahrheit <br> aussagt," u. s. w. <br> Diese Sätze sind zwar verständlich, erfordern aber eine ge¬ <br> spannte Aufmerksamkeit des Verstandes, und möchten daher dem <br> weiblichen Geschlechte nicht zusagen. Unverständlicher würde dem¬ <br> selben Folgendes sein: <br> „Es ist nothwendig, daß die vernünftigen endlichen Wesen während der <br> disciplinarischen Epochen ihres Daseins in Zusammenhang und unter den <br> Einstuß eines Systems von Kräften gesetzt werden, welches mit der Gesetz¬ <br> gebung der moralischen Vernunft nicht harmonirt, eines Systems von Kräf¬ <br> ten, in welchem sich denselben allenthalben Reize zur Sünde entgegenstellen, <br> hingegen keine anschaulichen Aussichten zu einer Harmonie der Glückseligkeit <br> mit der Tugend eröffnet werden;" u. s. w. * <br> Dagegen ist Folgendes allgemein verständlich: <br> Natürlichkeit. <br> (Aus der Anstandslehre für das weibliche Geschlecht, von der Gräfin <br> v. Wallenburg.) <br> Es giebt in dem Betragen eine gewisse liebenswürdige Natürlichkeit; <br> sie steht im Gegensatze mit dem Unnatürlichen, Gezierten, Erkünstelten und <br> Steifen. Es kleidet Jeden, und erweckt das Wohlgefallen Anderer, wenn <br> man sich in seinem ganzen Wesen treu an die Natur hält. Jede Abweichung <br> von der Bahn, die sie uns vorzeichnet, beleidigt den Geschmack, das Gefühl <br> für's Schöne, und macht einen widrigen Eindruck. Aber die Natürlichkeit, <br> die ich Naivetät nennen möchte, ist nicht rohe, ungebildete Natur, wie wir <br> sie bei den schlichten, ununterrichteten, ungehobelten Naturmenschen finden, <br> wo sie uns in ihren Aeußerungen fast thierisch, nicht menschlich, widrig und <br> abschreckend erscheint. Die Natürlichkeit, welche ich meine, ist das Product <br> des Unterrichts, der sittlichen Disciplin, des Umgangs, der Kenntniß und <br> richtigen Anwendung der Regeln des Anstandes.' Bei ihr hat die Kunst den <br> Charakter einer durch sie veredelten Natur erhalten.