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Title:
Lehrbuch zur Kenntniß der verschiedenen Gattungen der Poesie und Prosa für das weibliche Geschlecht, besonders für höhere Töchterschulen
Persons:
Nösselt, Friedrich Borberger, Robert
PURL:
https://gei-digital.gei.de:443/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:0220-gd-13592327
<br> 278 <br> Wir sehen mit Vergnügen ein Landmädchen, an dem wir lauter Natür¬ <br> lichkeit in ihrer Sprache, in ihrem Benehmen wahrnehmen; aber ihre Natür¬ <br> lichkeit würde sich für die gebildete Jungfrau nicht passen, sie würde zum <br> Lächeln und Spötteln reizen, wenn sie so in einer Gesellschaft erschiene. Bei <br> dieser hat die Natürlichkeit höhere Grade; sie verläugnet das Schickliche, das <br> Wohlanständige nicht, und fällt nicht in das Gemeine, Rohe und Unge- <br> gebildete. <br> Es wäre z. B. natürlich, eine uns in der Gesellschaft zugefügte Belei¬ <br> digung augenblicklich zu rächen; aber es zeigte von thierischer Rohheit, von <br> Unkultur, von Mangel an Selbstbeherrschung und gänzlicher Unkenntniß der <br> Pflichten, die wir der Gesellschaft schuldig sind. Es ist natürlich, selbst Un¬ <br> reines, Schmutziges, Ekelhaftes mit dem rechten Namen, ohne Umschreibung <br> und Verhüllung zu bezeichnen; es verstößt aber gegen die Bildung, die man <br> von Damen erwartet, welche Ansprüche aus feinere Lebensweise machen. Dem <br> Natürlichen muß die bessere Sitte, die Scham, das Anständige und Schick¬ <br> liche zur Seite gehen, es begleiten und unzertrennlich bei ihm bleiben. Wir <br> können nicht reden, was wir wollen, nicht sitzen, stehen und gehen, wie wir <br> wollen, so natürlich dies auch wäre; der Anstand schreibt andere Gesetze vor, <br> und übertreten wir sie, so fallen wir in's Grobe, Gemeine und Pöbelhafte. <br> Ein großer Gelehrter, wenn ich Rousseau *) so nennen darf, meinte auch, es <br> *) Jean Jacques Rousseau war 1712 in Genf geboren, der Sohn eines <br> Uhrmachers. Schon als Knabe hatte er seinen Geist durch fleißiges Lesen gebildet. <br> Auch er sollte Uhrmacher werden; aber er entlief, 15 Jahr alt, seinem harten <br> Lehrhcrrn, und wurde in Turin Bedienter, bis er zufällig an der Tafel seines <br> Herrn seine höhere Bildung einmal verrieth. Sein Herr entließ ihn beschenkt, und <br> nun kl'te er auf dem ©ute einer Dame den Wissenschaften und der Beobachtung <br> der Natur. Dreißig Jahr alt ging er nach Paris. Hier sah er auf der einen <br> Seite die Schwelgerei der Reichen und auf der andern die Armuth des niedrigen <br> Volks, und dies empörte ihn so, daß er den bittersten Haß gegen die damals be¬ <br> vorrechteten Stände faßte. Nur im Zustande der Natur, meinte er, könnte der <br> Mensch glücklich leben; jede Verfeinerung aber wäre sein Unglück. Ja er be¬ <br> hauptete im Ernste, daß die Wissenschaften und Künste alles menschliche Elend» <br> hervorgebracht hätten. Das zog ihm Spott und Verfolgung zu, so daß er ge¬ <br> nöthigt war, Paris zu verlassen. Er ging nach Genf, kehrte aber bald wieder <br> nach Frankreich zurück, und wohnte im Dorfe Montmorency bei Paris, wo er <br> seine beiden berühmtesten Werke schrieb: die neue Heloise, und Emil oder über die <br> Erziehung. Das letztere, das bei vielem Trefflichen freilich auch manche sonderbare <br> Behauptung enthält, wurde von der Geistlichkeit angegriffen, vom Scharfrichter <br> verbrannt, und er war genöthigt, nach Genf zu fliehen. Aber auch hier wollte <br> man ihn nicht dulden. Er ließ stch im Kanton zu Neufchatel nieder. Doch auch <br> hier ließ man ihm keine Ruhe. Die Bauern warfen ihm, vom katholischen Geist¬ <br> lichen dazu aufgewiegelt, die Fenster ein. Friedrich der Große ließ ihm Schutz <br> und Unterstützung anbieten. „Nein!" sagte Rousseau, „ich habe übel vom Könige <br> geredet, und kann daher keine Wohlthaten von ihm annehmen." Jetzt wohnte er <br> auf der kleinen Petersinsel im Bieler-See. Aber auch von da vertrieb ihn die <br> Berner Regierung. Er nahm darauf nach England seine Zuflucht, und lebte hier