Full text: (Für das 8. und 9. Schuljahr) (Teil 4 für Mädchen)

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5lbendstille. 
8. Abendstille. 
Gottfried Kinkel. 
1. Nun hat am klaren Frühlingstage 
das Leben reich sich ausgeblüht; 
gleich einer ausgeklung’nen Sage 
im West das Abendrot verglüht. 
Des Vogels Haupt ruht unterm Flügel, 
kein Rauschen tönt, kein Klang und Wort; 
der Landmann führt das Roß am Zügel, 
und alles ruht an seinem Ort. 
2. Nur fern im Strome noch Bewegung, 
der weiß durchs Tal die Fluten rollt. 
Es quillt vom Grunde leise Regung, 
und Silber säumt sein flüssig Gold. 
Dort auf dem Strom noch ziehen leise 
die Schiffe zum bekannten Port, 
geführt vom Fluß im sichern Gleise — 
sie kommen auch an ihren Ort. 
3. Hoch oben aber eine Wolke 
von Wandervögeln rauscht dahin; 
ein Führer streicht voran dem Volke 
mit Kraft und landeskund’gem Sinn. 
Sie kehren aus dem schönen Süden 
mit junger Lust zum heim’schen Nord, 
nichts mag den sichern Flug ermüden — 
sie kommen auch an ihren Ort. 
4. Und du, mein Herz! In Äbendstille 
dem Kahn bist du, dem Vogel gleich; 
es treibt auch dich ein starker Wille, 
an Sehnsuchtsschmerzen bist du reich. 
Sei’s mit des Kahnes stillem Zuge — 
zum Ziel doch geht es immer fort; 
sei’s mit des Kranichs raschem Fluge — 
auch du, Herz, kommst an deinen Ort! 
Elise Polko, Dichtergrüße. Leipzig, C. F. Ämelung. S. 137.
	        
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