10 12. Kindesdank. — 13. Kindliche Dankbarkeit.
12. Kindesdank.
Ein Fürst traf auf einem Spazierritte einen fleißigen und
frohen Landmann bei dem Ackergeschäfte an und ließ sich mit
ihm in ein Gespräch ein. Nach einigen Fragen erfuhr er, daß
der Acker nicht sein Eigentum sei, sondern baß er als Tage¬
löhner täglich um 15 Kreuzer arbeite. Der Fürst, der für sein
schweres Regierungsgeschäft freilich mehr Geld brauchte und zu
verzehren hatte, konnte in der Geschwindigkeit nicht ausrechnen,
wie es möglich sei, täglich mit 15 Kreuzern auszureichen und
noch so frohen Mutes dabei zu sein, und verwunderte sich
darüber. Aber der brave Mann cm Zwillichrocke erwiderte ihm:
„Es wäre gefehlt, wenn ich so viel brauchte. Mir muß ein
Dritteil davon genügen; mit dem zweiten Dritteil zahle ich
meine Schulden ab, und das letzte Dritteil lege ich auf Kapi¬
talien au." Das war dem guten Fürsten ein neues Rätsel.
Aber der fröhliche Landmann fuhr fort: „Ich teile meinen
Verdienst mit meinen alten Eltern, die nicht mehr arbeiten
können und mit meinen Kindern, die es erst lernen müssen;
jenen vergelte ich die Liebe, die sie mir in meiner Kindheit
erwiesen haben, und von diesen hoffe ich, daß sie mich einst in
meinem müden Alter auch nicht verlassen werden." Der Fiirst
belohnte die Rechtschaffenheit des wackeren Mannes, sorgte für
seine Söhne, und der Segen, den ihm seine sterbenden Eltern
gegeben hatten, wurde ihm im Alter durch die Liebe und Unter¬
stützung seiner dankbaren Kinder redlich zu teil.
13. Kindliche Dankbarkeit.
In einer großen Residenzstadt lebte einst ein vornehmer
Herr. Er war von niedriger Herkunft, der Sohn armer aber
ehrlicher Eltern. In der Folge wurde ihm wegen seiner Tiich-
tigkeit und Rechtschaffenheit eines der wichtigsten Ämter im
Staate verliehen. So hoch er aber auch jetzt stand, so schämte
er sich doch weder seiner armen Eltern, noch seiner geringen
Verwandten, sondern verkehrte immer liebevoll mit ihnen.
Einst hatte er eine große Gesellschaft vornehmer Personen
zu Tisch geladen. Während der Mahlzeit meldete ihm ein
Diener, daß ein Greis im Vorzimmer ihn zu sprechen wünsche.
Sogleich eilte er hinaus, und siehe, der alte Mann, der ihn er¬
wartete, war sein Vater. Der Sohn freute sich herzlich, ihn
zu sehen, nahm ihn bei der Hand und führte ihn in den Speise-
saal. Hier wies er ihm an der Tafel einen Platz an und
sprach zu seinen Güsten: „Dieser Greis ist mein Vater; gönnen
Sie ihm die Ehre, hier zu sitzen; er ist ein rechtschaffener Mann."