Object: Geographische Charakterbilder aus Deutschland (Alpenland, Deutsches Reich und Deutsch-Österreich) (Teil 1)

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Das Alpenland. 
genannt, und schreitet dann endlich wieder in einem oberen Thale fort, 
dem alten Thale der „Freien am Rheyn". So nannten sich die 
deutschen Bewohner dieses alleräußersten Rheinthales, des sogenannten 
Rheinwaldes. Sie wohnen bis zn den Quellen des Rheins, bis zum 
Hinterrheingletscher hinauf; ihr Hauptort ist Splügen. Sie wolleu 
von einer uralten Kolonie Deutscher abstammen, welche Kaiser Friedrich 
der Rotbart hier am Splügen als treue Wächter des Passes auge- 
siedelt, iu ihren Dörfern Splügen, Medels, Hinterrhein n. s. w. rund- 
um durch romantische Thäler von den übrigen Deutscheu gesondert. 
Von dem Dorfe Splügen, 1449 m, wo sich die Wege über den 
Bernhardin nnd den Splügen teilen, führt in lang sich streckendem 
Zickzack durch öde Thäler und Felswüsteneien, mitten zwischen hoch- 
getürmten Berggipfeln die Straße allmählich anf die Höhe des Passes 
selbst (2116 in), der 1160 in unter dem steilen Tambo- oder Schnee- 
Horn liegt. 
Auf der Südseite siud die Scenerien uoch wilder, die Thäler 
tiefer ausgegraben, die Bergwände länger, die Klüfte und Spalten 
jäher, die Straßeubauteu daher auch schwieriger und erstaunlicher. 
Die Natur hat vom Splügen herab einen tiefen Schlund ausgehöhlt, 
den sogenannten Cardinel, der anf dein kürzesten Wege ins Thal 
führt. Statt aber, wie bei der Via mala, in diesen Schlund hiuab- 
zusteigen, hat mau vorgezogen, die Straße über die Berge zu führen 
und erst später in das mit ungeheuren Gneistrümmern übersäete Thal 
Giacomo Hinabzugeheu. Durch eine Reihe von Galerieen, auf allerlei 
künstlichen Uuterbauteu, Gewölben und Brücken, auf zahllofeu Zick- 
zackwegeu, die überall mit Brustmaueru geschützt und garniert sind, 
rollt man von einer Stufe der östlicheu Thalwaud zur andern hinab. 
Der Madefimo stürzt 230 m tief ins Thal. Bei jeder Wendung 
fürchtet man, geradezu iu unermeßliche Abgründe hinabzuschießen, und 
bei jeder Wendung erhält man von neuem die Zuversicht, daß man 
ohne Gefahr und ganz beqnem hier schreiten, traben, galoppieren kann, 
wie in einer Reitbahn. Man sieht die kühne Linie auf einer Reihe 
übereinander getürmter Terrassen fast zehnmal verschwinden und zehn- 
mal wieder erscheinen. Auch oberwärts sieht man Bruchstücke der 
Straße mit deu durchfahrenen Galerieen an den Bergen sich hinziehen. 
Bei Campo Dolcino unten ist alles italienisch, die Meuscheu, die Bau¬ 
art der Häuser, die Bäume und Pflanzen. Italien stößt hier dichter 
mit Deutschland zusammen als an anderen Alpenpunkteu, wo eine 
Art Mischung zwischen deutscher und italienischer Wirtschaft, deutschen 
nnd italienischen Sitten zwischen beiden Ländern stattfindet. Jetzt
	        
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