Volltext: Die Welt im Spiegel der Nationalliteratur ([5], [Schülerbd.])

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Bäume pflanzest, die so spät Früchte tragen? Warum machst 
du dir so vergebliche Arbeit?“ 
„Herr,“ gab der Alte zur Antwort, „ich bin zufrieden, wenn 
ich die Bäume gepflanzt habe, ohne mich darum zu kümmern, 
cb ich oder ein anderer die Früchte derselben genießen werde. 
Es ist billig, daß wir tun, wie unsere Väter taten. Sie 
pflanzten Bäume, deren Früchte wir aßen; da wir nun der 
Väter Arbeit genossen haben, warum sollten wir nun gegen 
jnsere Nachkommen neidischer sein, als jene gegen uns waren? 
Jch denke, was der Vater nicht genießt, das erntet der Sohn.“ 
Ber freigebige Harun, dem diese Antwort gefiel, schenkte dem 
Alten eine Handvoll Goldstücke. „Wer kann nun sagen,“ fuhr 
der heitere Greis fort, „daß ich heute vergeblich gearbeitet habe, 
da der junge Baum, den ich pflanze, gleich am ersten Tage so 
reiche Früchte trägt?“ Darum ist es wahr: „Wer Gutes tut, 
wird immer reichlich dafür belohnt.“ 
Joh. Gottfried Herder. 
5. Der Hirtenknabe. 
Abbas, mit dem Zunamen der Große, König von Persien, 
^ar einst auf der Jagd verirrt. Er kam auf einen Berg, wo 
Hirtenknabe eine Herde Schafe weidete. Der Knabe saß 
'later einem Baume und blies die Flöte. Die süße Melodie des 
Eiedes und Neugierde lockten den König näher hinzu. Das 
Eene Gesicht des Knaben gefiel ihm, er fragte ihn über allerlei 
Binge, und die schnellen treffenden Antworten dieses Kindes 
der Natur, das ohne Unterricht bei seiner Herde aufgewachsen 
^ar, setzten den König in Verwunderung. Er hatte noch seine 
Bedanken darüber, als sein Vezier1) dazu kam. „Komm, Vezier,“ 
£ief er ihm entgegen, „und sage mir, wie dir dieser Knabe ge¬ 
lallt!“ Der Vezier kam herbei; der König setzte seine Fragen 
^ort, und der Knabe blieb ihm keine Antwort schuldig. Seine 
Unerschrockenheit, sein gesundes Urteil und seine offene Frei¬ 
mütigkeit nahmen den König und den Vezier so ein, daß jener 
beschloß, ihn mit sich zu nehmen und erziehen zu lassen, damit 
^an sähe, was aus dieser schönen Anlage der Natur unter der 
Hand der Kunst werde. 
^ Wie eine Feldblume, die der Gärtner aus ihrem dürren 
öden liebt und in ein besseres Erdreich pflanzt, in kurzem 
. en Kelch erweitert und glänzendere Farben annimmt, so bildete 
auch der Knabe unvermerkt zu einem Manne von großen 
ugenden aus. Der König gewann ihn täglich lieber; er gab 
lljm den Namen Ali Beg und machte ihn zu seinem Großschatz- 
weister. 
9 Vezier (sprich: Wesir) 
ein Staatsrat oder Minister. 
13'
	        
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