Full text: Die Welt im Spiegel der Nationalliteratur ([5], [Schülerbd.])

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Ali Beg besaß alle Tugenden, die sieb nur vereinigen 
lassen: Unsträflichkeit in seinen Sitten, Treue und Klugheit in 
seinem Amt, Freigebigkeit und Großmut gegen die Fremden, 
Gefälligkeit gegen alle, die ihn um etwas baten, und, ob er 
gleich der Liebling des Königs war, die bescheidenste Demut. 
Was ihn aber am meisten unter den persischen Hofleuten aus¬ 
zeichnete, war seine Uneigennützigkeit; denn nie ließ er sich 
seine Dienste bezahlen, seine guten Taten hatten die reinste 
Quelle, das Verlangen, den Menschen nützlich zu werden. Bei 
allen diesen Tugenden entging er jedoch den Verleumdungen der 
Höflinge nicht, die seine Erhebung mit heimlichem Neide an¬ 
sahen. Diese legten ihm allerlei Fallen und suchten ihn bei dem 
Könige verdächtig zu machen. Aber Schach Abbas war ein 
Fürst von seltenen Eigenschaften; argwöhnischer Verdacht war 
für seine große Seele zu klein, und Ali Beg blieb in Ansehen 
und Buhe, solange sein großmütiger Beschützer lebte. 
Zum Unglück starb dieser große König, und Schach Sefi, 
der ihm folgte, schien die Wehklage der Völker zu rechtfertigen» 
daß nämlich gute Fürsten wie andre Menschen sterben müssen. 
Er war das völlige Widerspiel seines Vorgängers, voll Mißtrauen, 
Grausamkeit und Geiz; Blutvergießen schien ihn zu erquicken 
wie den Durstigen ein Trunk Wasser. Einen solchen Oberherrn 
hatten Alis Feinde erwartet, und ihr verborgener Neid wurde 
sogleich wieder sichtbar. Sie brachten täglich Verleumdungen 
gegen den Schatzmeister an, auf die der König anfangs nicht 
achtete, bis eine jenen erwünschte Begebenheit diese Anklagen 
zu rechtfertigen schien. 
Der König nämlich verlangte einen kostbaren Säbel zu 
sehen, den Schach Abbas vom türkischen Kaiser zum Geschenk 
bekommen hatte, und dessen einige Hofleute gedachten. Der 
Säbel war nicht zu finden, ob er gleich in dem nachgelassenen 
Verzeichnisse des großen Abbas eingetragen war, und so fiel 
Schach Sefis Verdacht auf den Schatzmeister, daß dieser ihn 
veruntreut habe. Dies war, was seine Feinde wünschten; sie 
verdoppelten ihre Beschuldigungen und schilderten ihn als den 
ärgsten Betrüger. „Er hat viel Häuser zur Bewirtung der 
Fremden gebaut,“ sagten sie, „und andere öffentliche Gebäude 
mit großen Kosten aufführen lassen. Er kam als ein nackter 
Knabe an den Hof, und doch besitzt er jetzt unermeßliche Keich- 
tümer. Wo könnte er alle die Kostbarkeiten, womit sein Haus 
angefüllt ist, her haben, wenn er nicht den königlichen Schatz 
bestöhle?“ Ali Beg trat eben zum Könige hinein, als ihn seine 
Feinde so verklagten, und mit zornigen Blicken sprach der 
König: „Ali Beg, deine Untreue ist kund geworden; du hast 
dein Amt verloren, und ich befehle dir, in vierzehn Tagen Rech¬ 
nung abzulegen.“ Ali Beg erschrak nicht, denn sein Gewissen
	        
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