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IX. Aus der lieben Heimat.
149. Die Eroberung des Wendenlandes durch Herzog
Heinrich den Löwen.
Über den sechs freistehenden Säulen am Mittelbau des
Residenzschlosses zu Braunschweig erhebt sich ein breiter Giebel,
der mit einem bedeutsamen Bildwerk verziert ist. Auf einem von
Löwen getragenen Sessel sitzt, mit seinem Hausgewande angetan,
der mächtige Herzog der Sachsen und Bayern Heinrich der Löwe.
Er wendet sich dem rechts knieenden Bischöfe Bernhard von Mecklen¬
burg zu, um aus dessen Händen das Modell einer Kirche zu emp¬
fangen. Hinter dem Bischöfe kniet ein Mönch, das Kreuz empor¬
hebend, während noch weiter zurück ein Laudmann ruht mit einem
Bienenkörbe im Arme und einem Büschel Ähren in der Hand.
Diesen drei deutschen Männern gegenüber erblickt man zur Linken
des Herzogs drei Wenden. Zunächst kniet da Pribizlaw, der
Slavenfürst, und überreicht zum Zeichen der Unterwerfung. sein
Schwert, um dafür von seinem Herrn die Kirche zu erhalten. Hinter
ihm kniet ein Wende und überliefert gehorsam dem Sieger ein
Bündel Pfeile. Ganz abseits aber liegt ein gefesselter slavischer
Krieger zum Zeichen, daß der Löwe wohl versteht, seine Eroberung
festzuhalten. So zeigt uns das Bild, wie Herzog Heinrich den be¬
zwungenen Wenden die Wohltaten des Friedens und die Segnun¬
gen der christlichen Lehre angedeihen läßt.
An den Gestaden der Ostsee wohnten von der Kieler Bucht
bis darüber hinaus zahlreiche wendische Völkerschaften, von denen
die Obotriten im heutigen Mecklenburg die bedeutendsten waren.
Bereits Karl der Große hatte gegen diese nördlichen unruhigen
Nachbarn als eine Schuhwehr die Sachsenmark errichtet, einer: be¬
festigten Grenzzug, welcher sich von der Elbe bei Lauenburg nord¬
wärts bis zum Kreier Busen erstreckte. Schon die sächsischen Her¬
zöge aus dem Hause der Billinger hatten ihre Aufgahe darin er¬
kannt, nicht nur die heimatlichen Grenzen gegen die Wenden zu
verteidigen, sondern auch im Bunde mit der christlichen Mission
die Unterwerfung ihrer Stämme unter die Hoheit des deutschen
Reiches zu erstreben. Aber ihre geringen Erfolge waren von kurzer
Dauer.
Sobald Heinrich der Löwe von dem Herzogtum Sachsen Besitz
genommen hatte, richtete er sein Augenmerk auf die Erledigung
jener Aufgabe. Es war ihm klar, daß grausame Verwüstungszüge
nicht zum Ziele führen würden. Nicht durch das Schwert allein,
sondern auch durch die Kirche, wie zugleich durch deutsche Ansiedler
sollte das Wendenland erobert und gewonnen werden.