1226 Die Geschichte der letzten Jahrhunderte in Umrissen. §. 1294.
einzutreten und überreichten eine Denkschrift mit Anklagen gegen die Mängel der
Mai 1876. Verfassung. Im Jahre 1876 sah sich die kaiserliche Regierung sogar genöthigt, den Land¬
tag in dem sonst so treuen Tirol „wegen pflichtwidrigen Benehmens der Mehrheit"
zu schließen, als die Ultramontanen mit leidenschaftlicher Intoleranz für die „Glaubens¬
einheit" eintraten. Bei so getheilten Interessen und verschiedenartigen Zielen war es
eine schwere und mühevolle Aufgabe, das Staatsschiff sicher durch die hochgehenden
Wogen des Föderalismus und Particularismus zu lenken, die widerstrebenden Kräfte
zu gemeinsamer Arbeit zu sammeln, dem Kaiserreiche seinen deutschen Charakter zu be¬
wahren , gegen die Magyaren wie gegen die Slaven anzukämpfen. Nur daß diese
Nationalitäten unter sich selbst wieder getrennte Wege gehen und verschiedenartige Zwecke
verfolgen, sichert dem deutschen Elemente das Uebergewicht. Der österreichischen Re¬
gierungspolitik liegt daher die Hauptaufgabe ob, die Idee des Gesammtstaats zu pflegen,
bei allen Volkstheilen das Gefühl der staatlichen Zusammengehörigkeit zu beleben, die
Ueberzeugung zu wecken, daß sie Glieder eines großen Ganzen sind, dessen Wohl und
Gedeihen nur vereint erreicht werden könne. Aber so einfach und klar diese politische
Aufgabe in der Idee erscheint, so schwierig ist. ihre Bethätigung, weil Egoismus und
Sonderinteresse, Leidenschaft und nationale Vorurtheile den Blick auf die Gesammtheit
trüben. Dies gilt vor Allem von dem Verhältniß Oesterreichs zu Ungarn. Der
Ehebund, durch welchen beide Staaten Jahrhunderte lang zur Lebensgemeinschaft zu¬
sammengefügt waren, hatte manche stürmische Tage, manchen Zwist und Streit im Ge¬
folge gehabt; aber Nothwendigkeit, Gewohnheit, äußere Gefahren oder Zwang ver¬
hinderten die Lösung des Bandes. Es gab Zeiten einträchtigen Zusammenlebens, ja
ehelicher Zärtlichkeit. Seitdem aber der Dualismus durch rechtsgültigen Scheidungs¬
vertrag geschaffen worden, oder nur noch eine conventionelle Ehe mit Ausschluß der
Gütergemeinschaft bestehen blieb, nur noch die lästigen Verpflichtungen, die Nationalschuld,
der Heerbestand, das gemeinsame Band bilden, ist der Rechtsstreit um materielle Güter
der normale Zustand der inneren Politik, sind Mißtrauen, Gewinnsucht, nationale
Eigenliebe die Triebkräfte des ungarischen Patriotismus. Das Magyarenthum zu heben
und zu verherrlichen, die Herrschaft der Deutsch-Oesterreicher zu schwächen und zu ver¬
kleinern, die fremden Völkerstämme, welche der Scheidungsakt der transleithanischen
Reichshälfte zugewiesen, die Deutschen in Siebenbürgen, die Slaven in Croatien, Sla¬
vonien u. ct. O. zu unterdrücken und in ihren nationalen Rechten und Eigenthümlich¬
keiten zu verkürzen, von den gemeinsamen Lasten möglichst viel der westlichen Hälfte
zuzuwenden, das sind die leitenden Gesichtspunkte der magyarischen Politik. Nicht genug,
daß das Königreich Ungarn von Ofen-Pest aus viel selbständiger und unabhängiger
durch die eigenen vollziehenden und gesetzgebenden Gewalten regiert wird, als die cis-
leithanischen Länder von Wien aus; die Magyaren verlangten und erlangten einen
überwiegenden Antheil an der Leitung der gemeinsamen Angelegenheiten, so daß der
Schwerpunkt der Monarchie oft in Pest zu liegen schien; sie entrichteten zu den gemein¬
schaftlichen Reichsausgaben (Armee, Marine, Gesandtschaften, Verzinsung der Staats¬
schuld) kaum den dritten Theil. Und dennoch strebte die äußerste Linke nach einem
Magyarenreich mit voller Selbständigkeit und Autonomie, höchstens mit einer Personal¬
union in dem monarchischen Oberhaupte. Mit der Zeit gelang es jedoch dem besonnenen
Staatsmann Franz Deak, der Ueberzeugung Eingang zu verschaffen, daß der Aus¬
gleich vom Jahr 1867 für Ungarn vorteilhafter sei als eine vollständige Trennung.
Auch die Führer der Linken, Tisza und Ghiczy, befreundeten sich mit diesem Ge¬
danken. So bildete sich eine „Deakpartei", die, mehr und mehr an Umfang und Be¬
deutung gewinnend, allmählich die öffentliche Meinung beherrschte. Ihr Ziel war, im
Anschluß an Oesterreich die vaterländischen Interessen Ungarns auf Grund der bestehen¬
den Organisation nach Kräften zu fördern. Koloman Tisza trat an die Spitze des
Ministeriums und suchte mit Hülfe der vereinigten „liberalen Partei" zunächst die
wirtschaftliche und finanzielle Lage des transleithanischen Königreiches durch Zoll- und
Handelsverträge mit dem westlichen Kaiserstaat und durch eine Verständigung und Aus¬
gleichung über die ungarische Notenbank aus dem zerrütteten Zustande zu retten. Allein
bei den übertriebenen Anforderungen zu Gunsten Ungarns, wodurch die magyarischen
Interessen ungebührlich vorangestellt wurden und das Nachbarreich allzu schwer und