50. Die Rotkehlchen.
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während des Essens wieder in das Zimmer. Man jagte ihn zum
zweiten Male hinaus. Er blieb nun wieder einige Zeit im Hofe
und kam darauf abermals in das Haus. Als man ihn aber zum
dritten Male hinausjagte, flog er über den Garten weg.
Der Herbst kam herbei, und niemand dachte mehr an das
Rotkehlchen. Da sagte man dem Herrn G., daß ein Vogel gegen
die Fenster seines Hauses fliege; er merkte indessen nicht weiter
darauf. Als man aber eines Abends etwas aus dem Keller holen
wollte, flog ein Vogel dem Lichte nach und ließ sich willig fangen.
Man brachte ihn in die Stube, und siehe da! man erkannte sogleich
das alte Rotkehlchen. Es war noch ganz zahm, fraß sogleich
aus der Hand und blieb wieder den ganzen Winter über da. Im
Frühjahr jagte man es wieder fort. Es blieb in der Nähe des
Hauses und sah nach den Fenstern. Wenn Herr G. mit seiner
Frau im Garten herumging, so flog es ihm von einem Baume zu
dem andern nach. Weil man es immer wieder wegjagte, flog es
zuletzt über den Garten davon. Mit bewegtem Herzen sah G.
dem treuen Vogel nach und erwartete am Anfang des Herbstes
die Rückkehr des kleinen Gastes. Er stellte sich auch wirklich ein,
flog dem Lichte nach in die Stube und erfreute Herrn G. und
seine Freunde durch die alte Zutraulichkeit.
Das ist freilich eine sehr schöne Geschichte, und es gefällt mir
an dem Rotkehlchen gar wohl, daß es so viel Zutrauen zu uns
Menschen hat. Aber das gefällt mir von ihm nicht, daß es außer—
dem ein überaus zänkischer Geselle ist. Kein Rotkehlchen leidet
in der Stube einen anderen Vogel, ja es leidet nicht einmal seines—
gleichen. Wenn man ein noch so zutrauliches Rotkehlchen hat
und will demselben in guter Meinung einen Gesellschafter geben,
so wird es aufgebracht, daß es ihn totbeißt. Ja es beneidet und
haßt sein eigenes Bild. Sobald es sich in einem Spiegel sieht,
fängt es an, gegen sein Bild zu beißen. Wie viele Kinder giebt
s, die wohl mit andern Leuten freundlich thun, aber mit ihren
Geschwistern streiten und zanken. Wir lernen am Rotkehlchen,
wie häßlich das ist.
Fr. Jubitz.
lesebuch der Brüder Seltzsam. 1.
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