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des Ganzen als den eigentlichen von ihm gemachten Fortschritt an.
Viel früher aber spricht er dies höchste Erfordernis eines Kunstwerks
wundervoll klar und schön in den Künstlern aus. Was er unter
einer solchen Behandlung eines dramatischen Stoffes verstand, zeigte
er gleich an dem schwierigsten in dieser Hinsicht, am Wallenstein. 5
Selten hat ein Dichter größere Forderungen an sich und seinen Stoff
gemacht, wenn man Shakespeare ausnimmt, nicht leicht ein zweiter eine
solche Welt von Gegenständen, Bewegung und Gefühlen in einer
Tragödie umfaßt.
Die auf Wallenstein folgenden Stücke zeigen, daß Schiller in 10
gleicher Art fortarbeitete. In der Tat bestand sein Leben darin,
daß er als Dichter übte, was er irgendwo vom idealisch gebildeten
Menschen überhaupt sagt, soviel Welt, als er mit seiner Phantasie
zu erfassen vermochte, mit der ganzen Mannigfaltigkeit ihrer Erschei¬
nungen in sich zu ziehen und in die Einheit der Lunstform zu ver-15
schmelzen. Daher sind seine Tragödien nicht Wiederholungen eines
zur Manier gewordenen Talents, sondern Geburten eines immer
jugendlichen, immer neuen Ringens mit richtiger eingesehenen, höher
aufgefaßten Anforderungen der Kunst. Sie haben längst das Urteil
der Mitwelt erfahren; sie können mit Ruhe das der nachfolgenden 20
Geschlechter erwarten. Lange noch werden sie die Bühne beschäftigen,
dann ihren Platz in der Geschichte deutscher Dichtung einnehmen.
Der Dichter führt nicht neue Wahrheiten ans Licht, sammelt nicht
Tatsachen. Er wirkt in der Art, wie er schafft; der Phantasie aller
Zeiten führt er Gestalten vor, die erheben und bilden; er leistet dies 25
in der Form, in die er seine Gegenstände kleidet, in den Charakteren,
mit welchen er die Menschheit idealisch bereichert, in seinem eignen
aus allen seinen Werken widerstrahlenden Bilde. So begeisternd und
bildend durch Erhebung und Rührung, wird auch Schiller lange und
mächtig auf seine Nation fortwirken. 30
Er wurde der Welt in der vollendetsten Reife seiner geistigen
Kraft entrissen und hätte noch Unendliches leisten können. Sein Ziel
war so gesteckt, daß er nie an einen Endpunkt gelangen konnte, und
die immer fortschreitende Tätigkeit seines Geistes hätte keinen Still¬
stand besorgen lassen; noch sehr lange hätte er die Freude, das Ent- 35
zücken, ja wie er es in einem seiner Briefe bei Gelegenheit des Plans
zu einer Idylle so unnachahmlich beschreibt, die Seligkeit des dichte¬
rischen Schaffens genießen können. Sein Leben endete vor dem
gewöhnlichen Ziele; aber solange es währte, war er ausschließlich und
unablässig im Gebiete der Ideeen und der Phantasie beschäftigt; von 40