Volkswirtschaft und -Wohlfahrt.
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terricht und Beschäftigung der Weiber sorgen, sie an Ordnung, Nüchternheit
und Fleiß gewöhnen und zur Kenntnis der heiligen Schrift anleiten. Wie
trefflich Elisabeth, die in unermüdlicher Sorge mit tiefer Menschenkenntnis
ihre selbstgestellte Aufgabe zu lösen suchte, ihr unsagbar schweres Werk ge¬
lang, das bezeugte der von den Behörden 1817 einmütig gefaßte Beschluß des
Dankes an sie und ihre Mitarbeiter, das beweisen die Zeugnisse dankbarer
Herzen der vielen Gebesserten.
5. Da nahm eine neue Sorge die Aufmerksamkeit des Frauenausschusses
in Anspruch. Den nach Neusüdwales im südöstlichen Australien weggeführten
Verurteilten sollten die langen und schweren Monate der Fahrt erleichtert
werden. Unter selbstgewählten Aufseherinnen sollten sie Beschäftigung und
Unterricht erhalten. Mit der ganzen Empfindsamkeit der Liebe setzte Eli¬
sabeth alles ins Werk, und die Erfüllung ihrer Aufgabe gelang ihr. Sie
wußte eben den Weg zum Herzen und zum Gemüt auch des härtesten Ver¬
brechers zu linden.
Das Senfkorn des in Liebe tätigen Glaubens, das Elisabeth in den em¬
pfänglichen Boden ihres Vaterlandes gelegt hatte, war aufgegangen, und es
breiteten sich auch bald Äste und Wurzeln über das Meer hinüber. Im Sommer
1824 war Elisabeth zu Brighton, um ihre sehr angegriffene Gesundheit zu
stärken. Zwei neue wohltätige Einrichtungen bezeichnen ihren Aufenthalt da¬
selbst. Sie gründete einen Verein, dessen Mitglieder den Armen weniger
durch bare Unterstützung zu Hilfe kommen sollten, als durch Ermunterung
zur Selbsttätigkeit, Sparsamkeit und Mäßigkeit, sowie durch Zuweisung von
Arbeit in gesunden, durch ärztlichen Beistand in kranken Tagen. Mit gleich
liebender Sorge fiel Elisabeths Blick auf die armen, einsamen Küstenwächter,
die sie in ihren schlaflosen Nächten auf dem Kies des Strandes einherschreiten
sah. Durch strenge Gesetze von jedem Verkehr mit Menschen abgeschnitten,
durch Nachtwachen ermüdet, der Unbill des Wetters, den Überfällen der
Schleichhändler ausgesetzt, führten diese Leute ein Leben voll Mühe und Ge¬
fahr. Um ihrer Langweile und Geistesverödung abzuhelfen, sammelte Eli¬
sabeth Bibeln und andere gute Schriften für sie.
6. Im Jahre 1827 gab sie ihre wertvollen Bemerkungen über den Be¬
such, die Beaufsichtigung und die Leitung weiblicher Gefangener, in Druck
und trat hierauf eine Reise nach Irland an, einem Hauptschauplatze mensch¬
lichen Jammers. Ihr Ernst und ihre Liebe galt allenthalben den Gefäng¬
nissen, den Irren- und Siechenhäusern mit einer bis ins kleinste gehenden Be¬
achtung, die der Verbesserung den Weg bahnen sollte. Auch die Volks¬
schulen entgingen ihrem Auge nicht.
Das Jahr 1827 brachte der rastlos schaffenden Frau wiederum man¬
cherlei Trauer- und Unglücksfälle. Infolge des vorher erwähnten großen
Geldverlustes mußte sie ihren schönen Landsitz, den Geburtsort aller ihrer
Kinder, verkaufen und sich in die engen Gassen der Londoner Altstadt bannen
lassen. Aber auch von Trauer über den Verlust geliebter Familienmitglieder
gebeugt, verlor sie ihre Lebensaufgabe nicht aus dem Auge. Inmitten ihrer
persönlichen Kümmernisse erfreute sie sich an den Nachrichten, die ihr über
den Fortgang der guten Sache aus der Ferne zugingen.
So wirkte sie denn fort und fort, nah und fern; bald kämpfte sie mit
Willenstärke für die Abschaffung der Sklaverei, bald stand sie vor einem
Ausschüsse des Unterhauses, der ihren Rat zur Verhütung von Verbrechen
verlangte, bald half sie zu einem Bazar zum Besten des Krankenschiffes, das
auf der Themse lag.
7. Die letzten Jahre ihres Lebens brachte Elisabeth größtenteils auf
Reisen durch das europäische Festland in Angelegenheiten ihres großen
Lebensberufes zu. Im Jahre 1843 feierte sie ihren neunundsechzigsten Ge¬
burtstag in Paris mitten in Sorgen und Werken der Liebe. Zum Abschiede
ließ die Königin von Frankreich ihr eine Bibel mit ausgewählten Kupfer-