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90. Abschied der Zugvögel.
Hoffmann von Fallersleben.
Gedichte. Berlin 1874. S. 207.
Wie war so schön doch Wald und
Feld!
Wie traurig ist anjetzt die Welt!
Hin ist die schöne Sommerzeit,
Und nach der Freude kam das Leid.
Wir wußten nichts von Ungemach;
Wir saßen unterm Laubesdach
Vergnügt und froh im Sonnenschein
Und sangen in die Welt hinein.
Wir armen Vöglein trauern sehr;
Wir haben keine Heimat mehr!
Wir müssen jeßt von hinnen fliehn
Und in die weite Fremde zieh'n.
91. Die Schwalben.
Iul. Sturm.
Lieder und Bilder. Leipzig 1870. 1, S. 181.
Die Schwalben halten zwitschernd
Hoch auf dem Turme Rat;
Die älteste spricht bedenklich:
Der Herbst hat sich genaht.
Schon färben sich die Blätter,
Die Felder werden leer;
Bald tanzt kein einzig Mücklein
Im Strahl der Sonne mehr.
Seid ihr zur Reise fertig?“
Die alten zwitschern: „Ja!“
Die jungen fragen lustig:
„Wohin?“ „Nach Afrika!“
Nun schwirrt es durch die Lüfte,
Verlassen steht das Nest;
Doch alle hält die Liebe
An ihrer Heimat fest.
Wohl ist's viel hundert Meilen
Von hier bis Afrika;
Doch kommt der Sommer wieder,
Sind auch die Schwalben da!
92. Ansere Zugvögel in der Iremde.
Alfred Brehm.
Das Leben der Vögel. 2. Aufl. Glogau 1867. S. 314.
Jeder Vogel bezieht in der Fremde Wohnplätze, welche denen eul
sprechen, die er in seiner Heimat erwählt, und betreibt dort sein Ge⸗
werbe wie daheim. Qie Raubvögel siedeln sich in Wäldern, an Flüssen
und an Seeen an; die Schwalben treiben sich mit den Bienenfressern
in dem noch unbekannten Innern Afrikas umher; Pirdle, Kuckucke,
Mandelkrähen, Fliegenfänger, Würger leben in Wäldern, zumal in
Urwalde, die Lerchen und Brachpiper auf Feldern, die Wiesenpiper
an sumpfigen Stellen; die gelbe Bach- oder Gebirgsstelze nimmt an
Gebirgsbüchen, die weiße auf Feldern Wohnung; die Schafstelzen über—
wintern an Sümpfen und in Steppen, Rotkehlchen und Rotschwünzchen
Blaumerle und Drosseln in Gebirgen, die Stare auf Feldern im flachen
ande. die Sleinschnber in den Wunen und Einoden. die Sanger