Tumult in Paris.
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geben müssen. Wovon sollten diese Leute nun leben? Ferner
wurde beschlossen, daß alle Bürger frei und gleich sein sollten.
Dadurch wurden alle bürgerlichen Verhältnisse aufgelöst, und das
Volk glaubte, sich jetzt alles erlauben, und die, welche bis dahin
durch Rang und Reichthum hervorgeragt hatten, als seine Unter¬
drücker bestrafen zu können. Daher kam es vor, daß reiche und
angesehene Männer, als Volksfeinde verhaßt, auf der Straße vom
Pöbel aufgegriffen und ohne weiteres an die vor dem Rathhause
stehenden Laternenpfähle gehängt wurden.
Für viele Freiheitsmänner verfuhr die Nationalversammlung
doch noch zu langsam. Es wurde der Plan entworfen, den König
für immer nach Paris zu bringen, um ihm durch Drohungen alles
abtrotzen zu können. Orleans und sein Anhang schlossen sich an
diese Partei an, weil sie hofften, bei der Gelegenheit den König,
die Königin und die ganze Familie beseitigen zu können. Schon
am 4. £)dotier 1789 war ganz Paris in Bewegung. Es hieß,
der König und die Aristokraten (so nannte man die Hofpartei)
wollten Paris aushungern. Wirklich war auch gerade Brotmangel
in Paris, aber nicht durch Schuld des Königs, sondern des Her¬
zogs von Orleans selbst, der die dahin bestimmten Kornwagen
durch seine Leute aufhalten ließ, um das Volk desto leichter in
Wuth setzen zu können. Zugleich theilte er Geld, Waffen und
starke Getränke unter den Pöbel aus. Am 5. October Morgens
sammelte sich auf dem Greveplatz (vor dem Rathhaufe) eine Menge
Weiber aller Art, geputzt oder zerlumpt, mit Aexten, Spießen,
Säbeln und dergleichen versehen. Unter ihnen spielten die Fisch¬
weiber die Hauptrolle. Auch Meuchelmörder in Weib er kleid ern sah
man unter ihnen. Nachdem sie einen furchtbaren Lärm gemacht
hatten, brachen sie, unter Anführung eines gewissen Maillard,
eines Lumpenkerls, tobend aus, um nach Versailles zu ziehen.
Eine Schweizerschildwache, die ihnen den Weg durch den könig¬
lichen Garten der Tuilerien verwehren wollte, wurde niedergeworfen
und von einem der wüthenden Weiber durchstochen. Kaum waren
sie fort, so sammelte sich ein zweiter Haufe, aus bewaffneten
Bürgern und ehemaligen Gardisten bestehend, die durchaus von
ihrem Commandanten, Lafayette, einem rechtschaffenen und die
Freiheit über alles liebenden, aber unklaren und eiteln Manne
nach Versailles geführt zu werden begehrten. Nach langem Weigern
setzte er sich an ihre Spitze und führte den wilden Haufen von
40,000 Menschen nach Versailles ab. Der König ahnte von dem