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die an anderen Orten Beschäftigung suchten. Berlin, das vor zehn
Jahren nur 12000 polnische Einwohner hatte, ist jetzt mit 70000 eine
der größten polnischen Städte. In manchen Gemeindeschnlen Charlotten-
bnrgs ist der zehnte Teil der Schulkinder polnisch. Im Königreich
Sachsen werden in guten Jahren schätzungsweise mindestens 50 000 Tschechen
beschästigt, zumeist als Bauarbeiter, Schneider, Schuhmacher. Und zu
dieser Bölkerwanderung der Slaven gesellen sich die Italiener, die in
Baden, Elsaß-Lothringen, den Rhein hinunter, ferner in Bayern Unter¬
kunft suchen, aber auch nach Thüringen und weiter nach Norden ziehen.
Im letzten Frühjahr wurden auf der Arlbergbahn allein über Innsbruck
nach Bregenz 37 000 italienische Arbeiter befördert, die Gesamtzahl
dieser Zugvögel wird wahrscheinlich noch sehr viel höher sein, In den
Reichslanden und Baden wird ihre Menge ans mindestens 50000 geschützt.
Schon diese paar Ziffern werden genügen, um ein leidlich deut¬
liches Bild von dem Umfang dieser Arbeiterwanderungen in Deutschland
zu geben. Welches sind nun ihre Wirkungen in wirtschaftlicher, sozialer
und nationaler Hinsicht? Manche Beurteiler verdammen sie kurzweg,
und auch wir sind der Ansicht, daß, im ganzen genommen, die üblen
Folgen die heilsamen weit überwiegen, aber man soll doch das Kind
nicht mit dem Bade ausschütten, sondern neben den tiefen Schatten auch
auf manche Lichtseiten hinweisen.
6. Da ist denn im Hinblick auf die wirtschaftlichen Folgen der
„Sachsengängerei" zu betonen, daß ohne das Zuströmen großer Arbeiter¬
massen die Landwirtschaft im Osten Deutschlands kaum mehr im Betrieb
zu erhalten wäre — wenigstens in der Gegenwart, mag auch eine
fernere Zukunft durch innere Kolonisation, wachsende Verwendung von
Maschinen und Zerschlagen von Latifundien in Bauerngüter eine bessere
Lösung finden. Auch der Rübenbau in Mitteldeutschland bedarf der
Wanderarbeiter, und für manche andere Erntearbeiten werden sie gleich¬
falls zurzeit nicht zu entbehren sein. Für Bauten aller Art, Häuser,
Eisenbahnen, Kanüle, Erdarbeiten, entwickeln namentlich die Italiener
große Geschicklichkeit. Die Blüte der Industrie Hütte ohne den massen¬
haften Zuzug Fremder sicherlich nicht aufkommen können, Bergbau und
Eisenindustrie hätten ohne diese Vermehrung der Arbeitskräfte sich nie
so gewaltig entwickelt. Soweit die Wanderarbeiter deutsche Reichs¬
angehörige sind, kommen ihre in der reicheren Fremde gemachten Er¬
sparnisse auch ihrer ärmeren Heimat zugute. Die Ausländer freilich,
die Russen, Polen, Tschechen, Galizier, Italiener tragen uns jährlich
Dutzende von Millionen mit ihren gesparten Löhnen aus dem Hause.
Dazu tritt noch der Übelstand, daß sie bei Krankheit oder Arbeitslosig¬
keit den Gemeinden zur Last fallen, viele Mühe und nahmhafte Kosten
verursachen.
7. Weit größer als die wirtschaftlichen erscheinen uns die sozialen