I. Gcffcken, Der Eintritt des Christentums in die griechisch-römische Welt. 55
namentlich der Fleischeslust, warnend; aber auch befreiend wirkt er, er
treibt die Dämonen aus den Besessenen aus, also daß sie auf eine
Statue losfahren und sie umwerfen. Aber noch mehr vermag er: er¬
blickt jedem sofort ins innerste Wesen hinein, weiß, was er jüngst getan,
was er demnächst erleben soll. Er kennt ohne Unterricht alle Sprachen,
er beherrscht Natur und Kreatur, wandelt auf dem Wasser, geht durch
die Luft dahin, er erweckt Tote; vom Tyrannen in das Gefängnis ge¬
worfen, vermag er die Ketten mit leichter Mühe abzustreifen. Sein
Tod endlich entzieht sich der Kenntnis der Menge; der Prophet ver¬
schwindet ungesehen.
So steht ein Mittler zwischen den um ihre Erlösung bangenden
Menschen und der Gottheit. Aber, wie wir eben gesehen haben, hemmen
auch allerhand feindliche Mächte diese Vermittelung; das ist nicht nur
der Tyrann mit seinen Schergen, die nach der hochmütigen Anschauung
dieser eingebildeten Philosophen ein Wörtlein ihrer Weisheit füllen kann,
wohl aber die Dämonen. Der stärkste Gegner jedoch dieses Zwischen¬
reiches zwischen Gott und Welt ist der Theosoph. Er verwirft ja als
Anhänger pythagoreischer Lehre die blutigen Opfer, um die die Ge¬
stalten dieser Geister schweben, gierig, sich von dem Lebenssäfte der ge¬
schlachteten Tiere zu nähren. Es wird hier nur eine alte Lehre ins
Praktische umgesetzt. Von den Dämonen redeten schon lange Jahr¬
hunderte vorher; von anfänglich neutraler, philosophischer Behandlung
dieser Zwischenwesen kam man zu immer abergläubischeren Vorstellungen
und sah z. B. auch in Sokrates' innerer Stimme, seinem „Daimonion",
eine Art persönlichen Schutzgeistes. Dieser Dämouenglaube beherrscht
also die verschiedensten Kreise, nicht nur das jüdische Land, wo ja
Jesus Christus, wie man richtig behauptet hat, eine seiner wesentlichsten
Aufgaben in die Bekämpfung der unreinen Geister gesetzt hat.
Von der alten griechischen Weltfreudigkeit ist in solcher Zeit nicht
mehr viel zu spüren. Bange Fragen an das eigene Ich, stete, fast
hypochondrische Beschäftigung mit dem Innern und seinen Regungen,
Weihungen, Büßungen, ja in wahrem Sinne des Wortes Askese,
Dämonenfurcht, Orakeldeuterei, Abkehr von der reinen Luft der Wissen¬
schaft, als Surrogat dafür eitle Rhetorik, die entweder längst erledigte
historische Themen behandelt oder irgendeiner Stadt des Reiches ein
ellenlanges Loblied singt oder auch religiöse Fragen weihevoll be¬
trachtet: das füllt das geistige und innere Leben der meisten Menschen
aus. Es ist ja auch viel Schönes darin, der Ernst, mit dem der Wert
des Lebens und die Bestimmung der Seele wieder und wieder unter¬
sucht wird, macht dem Kenner der Zeit stets wieder tiefen Eindruck.
Aber es ist auch manches Ungesunde in diesen Menschen, die vor lauter Re¬
flexion nicht mehr recht zur Tat gedeihen und im Wüste des mit Moralien
beschriebenen Papiers ersticken. — Freilich heißt es hier, wie ich schon