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in den Brunnen zu springen. Bald jedoch erkannte er die schlimme
Lage, in die er gekommen war, und blickte ängstlich nach einer Ge¬
legenheit zur Rettung. Der Fuchs sprach freundlich zu ihm: „Sei
guten Mutes! Ich weiß, wie wir uns Helsen können. Stelle dich
mit deinen Vorderfüßen ausrecht an die Wand und stemme dich mit
dem Kopfe fest an, ich steige alsdann über deinen Rücken hinauf.
Bin ich oben, fo werde ich auch dir hinaushelfen." Der Ziegen¬
bock erfüllte das Verlangen des Fuchses; kaum aber war dieser
oben, so sprang er fröhlich um den Brunnen herum. Der Bock
erinnerte ihn an sein Versprechen; doch der Fuchs sagte: „Wenn du
so viel Grüße im Kopf hättest, als Haare in deinem Bart sind, so
würdest du nicht eher in einen Brunnen steigen, bis du wüßtest,
wie du wieder herauskommst."
97. Der Rabe und der Fuchs.
Gotthold Ephraim Lessing.
Ein Rabe trug ein Stück vergiftetes Fleisch, das der erzürnte
Gärtner für die Katzen seines Nachbars hingeworfen hatte, in sei¬
nen Klauen fort.
Eben wollte er es auf einer alten Eiche verzehren, als sich ein
Fuchs herbeischlich und ihm zurief: „Sei mir gesegnet, Vogel des
Jupiter!" „Für wen siehst du mich an?" fragte der Rabe. „Für
wen ich dich ansehe?" erwiderte der Fuchs, „bist du nicht der rü¬
stige Adler, der täglich von der Rechten des Zeus auf diese Eiche
herabkommt mich Armen zu speisen? Warum verstellst du dich?
Sehe ich denn nicht in der siegreichen Klaue die erflehte Gabe, die
mir dein Gott durch dich zu schicken noch fortfährt?"
Der Rabe erstaunte und freute sich innig für einen Adler ge¬
halten zu werden. „Ich muß," dachte er, „den Fuchs aus diesem
Irrtum nicht bringen." Großmütig dumm ließ er ihm also seinen
Raub herabfallen und flog stolz davon.
Der Fuchs fing das Fleisch lachend auf und fraß es mit bos¬
hafter Freude. Doch bald verkehrte sich die Freude in ein schmerz¬
haftes Gefühl; das Gift fing an zu wirken und er — verreckte.
Möchtet ihr euch nie etwas anderes als Gift erloben, ver¬
dammte Schmeichler!
98. Der Wolf, der Fuchs und der Kranich.
Nach Äsop.
Der Wolf verzehrte ein geraubtes Kalb mit großer Begierde.
Ein Fuchs kam dazu und sprach: „Oheim, du schlingst zu gierig;
du wirst dir den Magen verderben." Der Wolf aber kehrte sich
nicht daran und fraß, was er konnte. Auf einmal blieb ihm ein
Knochen im Halse stecken. Da fing er an zu schreien und zu bit-
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