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Auch in Ungarn war die Unzufriedenheit allgemein. Jo¬
seph hatte , ganz gegen den Gebrauch, die ungarische heilige
Krone von Prcßburg nach Wien bringen lassen. Er hatte be¬
fohlen, daß die deutsche Sprache zur allgemeinen Sprache ge¬
macht, und alle Beamte, die binnen drei Jahren sie nicht ge¬
lernt hätten, von ihrem Amte entfernt werden sollten. Darin
lag freilich eine große Harte, aber danach fragte der durchgrei¬
fende Kaiser nicht. Gewiß würden sich die Ungarn, wie die
Niederländer, empört haben, wäre nicht ihr Land gerade voll
-kaiserlicher Soldaten gewesen. Aber das Murren war doch so
drohend, daß Joseph für gerathen hielt, die meisten seiner Be¬
fehle zurückzunehmen.
Die vielen Beweise von Widersetzlichkeit betrübten sein
Gemüth um so mehr, als er sich der reinsten Absichten, seine
Unterthanen recht glücklich zu machen, bewußt war. Auch der
Krieg mit den Türken, den er im Verein mit Katharina 2.
unternommen halte, machte ihm vielen Kummer, da der größte
Theil seines Heeres durch Krankheiten weggcrafft wurde. Sicht¬
lich nahmen seine Kräfte ab, und er sah seinen nahen Tod vor¬
aus. Aber er sah ihm mit so vieler Ruhe entgegen, daß er
noch in den letzten Tagen mehrere Briefe an seine Minister
schrieb, um ihnen für dieses Leben Lebewohl zu sagen. Er
arbeitete bis den letzten Tag vor seinem Tode, und entschlum¬
merte am 20sten Februar 1790,
96. Gustav 3. von Schweden.
Als Karl 12. 17JLS gestorben war, übertrugen die Stände
zwar seiner Schwester Ulrike Eleonore die Negierung,
und erwählten ihren Gemahl, Friedrich 1., aus dem Hause
Hessen, zum Könige, aber sie schränkten zugleich die königliche
Gewalt so ein, daß der König so gut wie nichts zu sagen
hatte. Die Neichsstände, die hier aus dem Adel, der Geist¬
lichkeit, den Bürgern und den Bauern bestehen, gaben die Ge¬
setze; sie entschieden über Krieg und Frieden, bestimmten die
Abgaben, und schlugen zu allen höheren Stellen drei Männer
vor, aus denen der König einen wählen mußte. Der schwache
Friedrich ertrug diese Schmach; ebenso fein Nachfolger, Adolph
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