Full text: Deutsche Geschichte (Teil 2)

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Die neue Zeit. 
§. 450. Aber nicht blos die Dichtkunst, auch die Relig ion swissensch aft, 
die Philosophie, die G es ch i chts chrei bun g, das Schul- und Erziehungs¬ 
wesen, kurz das ganze geistige Leben erfuhr einen mächtigen Umschwung. Pro- 
teftantischeKirchenlehrer (Theologen) durchforschten die Bibel und stellten die christ¬ 
liche Lehre nach der eigenthümlichen Richtung ihres Geistes dar. Die Einen, wie 
Lavater der Zürcher Prediger Lavater, suchten durch Erbauungsschriften die Welt in der 
1801. strengen Gläubigkeit zu erhalten und die Ueberzeugung festzustellen, daß der Mensch 
durchs Gebet mit der Gottheit in unmittelbarer Verbindung stehe; die Andern, wie 
Nicolai der Berliner Buchhändler und Schriftsteller Nicolai, wollten nur die menschliche 
Vernunft und das Denkvermögen als Richter in göttlichen Dingen gelten lassen, 
und erklärten Alles, was dieser widerstrebe, für Aberglauben. Jene nennt man 
Supranaturalisten, die Bekenner der letztern Richtung bezeichnete man in der 
Folge als Rationalisten oder Denkgläubige. Eine dritte Partei, wozu Ha- 
berg?75v^ann, der Philosoph Fr. H. Jacobi und der Dichter Fr. Gras zu Stolberg 
—mi) gehörten, machten wie die Mystiker im Mittelalter (§. 247.) die Religion zu einer 
Sache des Gefühls. — Lavater war auch der Schöpfer der Physiognomik, 
oder jener zweifelhaften Wissenschaft, welche lehrt, den Charakter des Menschen aus 
«icfiteiv- feer des Kopfs und der Gestchtszüge zu erkennen, erfuhr aber dabei harte 
l>frqi762 Angriffe von dem geistreichen Satiriker und Humoristen Lichtend erg in Göttin- 
^09- gen. — In der Philosophie stellte der große Denker Kant in Königsberg ein 
1724— Lehrgebäude auf, das schnell in alle Wissenschaften eindrang und die gelehrte Welt 
Min Deutschland anregte und beherrschte; sein großer Schüler Fichte ging von dem 
1762— Kant'schen Kriticismus zum reinen Idealismus über, indem er in seiner „Wis- 
1814 senschaftslehre" das Ich als das Erste und Ursprüngliche setzte und in seinem „Sy¬ 
stem der Sittenlehre" Freiheit und Selbstthätigkeit als Ziel des sittlichen Strebens 
ge1778 hlnstellte. Als kühner Vorkämpfer für Volksfreiheit ist Fichte bei der Nation in 
Hegel ehrenvollem Andenken geblieben. Fichte's Jünger Fr. W. I. Schelling verband 
7s3°iT diesen Idealismus mit der Naturphilosophie und Georg Fr. W. Hegel schuf durch 
Spi-tler dialektische Philosophie ein Lehrgebäude, das auf das ganze geistige Leben seiner Zeit 
^sioT von dem größten Einfluß war. In der Geschichtschreibung hat Spittler durch 
T Müller Schärfe und Klarheit, der Schweizer Johannes Müller durch Gelehrsamkeit 
1800. und kunstvolle Darstellung eine neue Zeit begründet; und in dem Erziehungs- 
?723^ wesen hat Basedow durch die Desfauer Musterschule (Philau thropium), 
1790. Campe und Salzmann durch ihre Kinderschriften neue Lehrmethoden ins Leben 
1gerufen, auf welche dann der Schweizer P estalozz i sein System von Kinderer- 
1827. ziehung und Volksschulwesen gründete.
	        
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