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Ehrenrettung und Seligsprechung. — Karls Charakterzüge und Hofhaltung.
der Ehre Johannas. Calixtus erließ ein Breve, worin die nochmalige Prüfnng aller Proze߬
akten angeordnet murde. Eine große Anzahl von Personen, die irgendwie mit der Jungfrau
in Berührung gekommen, wurde verhört und das gauze gegen sie beobachtete Verfahren
einer genauen Kritik unterworfen, darauf ihre Verdammung für nichtig erklärt und verordnet,
daß dieses Urteil in der Stadt Rouen, wo die Jungfrau verbrannt worden war, bekannt
gemacht werden sollte.
So ward die Ehre der Heldin glänzend gerettet. Auf der Stelle, wo sie starb, erhebt
sich eilt Krenz zu ihrem Andenken. In Domremy ist ihr ein herrliches Denkmal errichtet.
Papst Pius X. hat Johanna unter die glänzende Schar der Seligen erhoben.
Karl der Kühne von Burgund.
Karl der Kühne, Herzog von Burgund, zn Dijon am 10. November 1433 geboren,
war von mittlerer Größe und sehr starkem Körperbau. Seine braune Gesichtsfarbe, die
schwarzen Haare und Augen, die Habichtsnase, das etwas längliche Gesicht, die breite Stirn und
Las etwas hervorstehende Kinn, alle Zuge verrieten kriegerischen Ernst. Er hatte viel von der
Gemütsart Johanns des Furchtlosen, seines Großvaters, der Frankreich verwirrt hatte. Er
war mäßig, mied den Trunk und schlechte Frauen und duldete Ausschweifung auch bei seinem
Gefolge nicht; fein eheliches Leben war makellos. In Waffenküusten war er Meister; au
Mut hat es ihm nie gefehlt; zu seinem Unglück aber war er nur zu oft verwegen. Er stürzte
sich in Gefahr, weil er sie liebte, und in Schwierigkeiten, weil er sie verachtete. Er hatte
seine Lust an Musik — seine Hofkapelle war eine der besten —, an Reiherbeize, Eberjagd
und Wassenspiel. Im Schachspiel, das er mehr als Verstandesübuug ansah, übertraf er die
meisten Gegner, die sich mit ihm maßen.
Einen ganz besonderen Reiz hatten für ihn die Taten der Alten; täglich ließ er sich
zwei Stunden aus der römischen Geschichte vorlesen; die lateinische Sprache verstand er nebst
fünf andern sehr gut. Das Bild Alexanders des Großen hatte er unaufhörlich vor Augen.
Denn es war fein Plan, wie dieser die Griechen und ihre Götter an den Persern gerächt,
so seine Herrschaft von der Nordsee an das Mittelmeer auszubreiten und an der Spitze der
abendländischen Christenheit mit der ganzen Macht von Burgund die Befreiung des östlichen
Europa von den Türken durchzuführen.
Er hielt einen prächtigen Hof, vortreffliche Miliz und genaue Ordnung in den Finanzen.
Meist sah man ihn inmitten eines glänzenden Gefolges von Fürsten, Grafen, Herren und
Rittern. Bei Feierlichkeiten trug er ein Kleid, dessen Schmuck an Gold und Edelsteinen über
hunderttausend Goldgulden geschätzt wurde. Die Säle und Kapellen waren mit den aus¬
gesuchtesten Tapeten und den reichsten goldenen und silbernen Geräten geziert. Auf acht¬
hundert Gulden war der tägliche Aufwand der Tafel berechnet. Er selbst genoß nicht viel
davon, aber er hielt es für fürstlich, feiner Umgebung Freude unb Genuß in reicher Fülle
zu bieten. Nach ber Tafel unb nach ben Geschäften ließ er sich burch bie Kammerjunker
mit Gesang, Lektüre u. bgl. erheitern, wie er auch im Felbe manchmal an ben Einfällen
seines Fähnrichs sich belustigte. Wenn er inmitten aller Großen am Montag unb Freitag
Aubieuz gab, hörte er die Bitten und Beschwerden feiner Diener und Untertanen auf das
freundlichste an; jeder erlangte Zutritt und so schnelle Hilfe, daß oft der Kanzler noch während
der Audienz bie Schriftstücke fertigstellen mußte; baher hörten auch, abgesehen bavon, was
wegen besonberer Verhältnisse in Oberelsaß unbestraft blieb, solang Karl herrschte, Familien-