fullscreen: Handbuch der deutschen Literatur (Teil 8 der Ausgabe A, Teil 5 d. Ausgabe B, [Schülerband])

Die zweite Blütezeit der deutschen Dichtung. 
vorüberrauschender Luft einst zuzustreuen! Ach möchte 
doch Doris die Tränen in euch von diesen Wangen verwischen 
und bald Gespräche mit Freunden in euch mein Leiden versüßen; 
bald redende Tote mich lehren, bald tiefe Bäche der Weisheit 
des Geistes Wissensdurst stillen! Dann gönnt' ich Berge von Demant 
und goldne Klüfte dem Mogul; dann möchten kriegrische Zwerge 
felshohe Bilder sich hauen, die steinerne Ströme vergössen, 
ich würde sie nimmer beneiden! — 
3. Der gelähmte Kranich. 
Der Herbst entlaubte schon den bunten Hain 
und streut' aus kalter Luft Reif auf die Flur, 
als am Gestad' ein Heer von Kranichen 
zusammenkam, um in ein wirtbar Land 
jenseit des Meers zu ziehn. Ein Kranich, den 
des Jägers Pfeil am Fuß getroffen, saß 
allein, betrübt und stumm, und mehrte nicht 
das wilde Lustgeschrei der Schwärmenden 
und war der laute Spott der frohen Schar. 
Ich bin durch meine Schuld nicht lahm, dacht' er 
in sich gekehrt; ich half so viel als ihr 
zum Wohl von unserm Staat. Mich trifft mit Recht 
Spott und Verachtung nicht. Nur ach! wie wird's 
mir auf der Reis' ergehn! mir, dem der Schmerz 
Mut und Vermögen raubt zum weiten Flug! 
Ich Unglückseliger! das Wasser wird 
bald mein gewisses Grab. Warum erschoß 
der Grausame mich nicht? — Indessen weht 
gewogner Wind vom Land ins Meer. Die Schar 
beginnt geordnet jetzt die Reis' und eilt 
mit schnellen Flügeln fort und schreit vor Lust. 
Der Kranke nur blieb weit zurück und ruht' 
auf Lotosblättern oft, womit die See 
bestreuet war, und seufzt' vor Gram und Schmerz. 
Nach vielem Ruhn sah er das bess're Land, 
den güt'gern Himmel, der ihn plötzlich heilt. 
Die Vorsicht leitet' ihn beglückt dahin, 
und vielen Spöttern ward die Flut zum Grab. 
Ihr, die die schwere Hand des Unglücks drückt, 
ihr Redlichen, die ihr mit Harm erfüllt 
das Leben oft verwünscht, verzaget nicht 
und wagt die Reise durch das Leben nur: 
Jenseit des Ufers gibt's ein besser Land; 
Gefilde voller Lust erwarten euch.
	        
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