2N6 XIV. §. 5. Göttliche Warnungszeichen.
Soldaten und Bürger sich ohne alle Scham und Scheu als jeder
Bestechung zugänglich erwiesen, wo die Ehre Rom's ohne Bedenken
dem niederträchtigsten Schurken preisgegeben wurde, wo ganz Rom
diesem Schurken selbst nicht anders denn als eine feile Stadt erschien
(111), da konnte auch ein blödes Auge das nahe Ende der römi¬
schen Weltherrschaft vorhersehen. Und schon brachen sie herein die
wilden Bewohner des nördlichen Germaniens, die Teutonen, die
wir als unsere Vorfahren freudig begrüßen, wenn auch die Cimbern,
ihre Sireitgenossen, neuerlich für ein keltisches Volk erklärt worden
sind. Mit ihren Eisenpanzern, in Thierfelle gehüllt, mit ihren ge¬
waltigen Schilden, Schwertern und Keulen, mit ihrem flammenden
Blick und ihrer dröhnenden Stimme fegten diese riesigen Gestalten
die Länder, da sie hindurchzogen, die Alpenländer von Noricum
(Steyermark) bis nach Helvetien, ganz Gallien, Belgien und Spa¬
nien, und schlugen und vernichteten die römischen Heere, die ihnen
entgegenzogen, also, daß in fünf gewaltigen Schlachten ein Consul
nach dem andern seinen Untergang fand. Da fuhr der „cimbrische
Schrecken" unter die Römer, und von allen Seiten wurden Stimmen
laut: das sei die Strafe für die Verachtung und die frevelhafte Ver¬
höhnung aller heiligen Sitten der Vorzeit. Jetzt verstummte der
Haß und Hohn der Optimaten gegen den gemeinen Mann. Denn
nur ein einziger erprobter Kriegsmann und Feldherr war noch übrig,
und das war einer aus dem niedersten Volkshaufen, roh von Sitten,
trotzig und wild, aber tüchtig und siegreich; es war der Bezwinger
Jugurtha's: Casus Marius aus Arpinum. Und als es diesem
Manne nun gelang, als er mit unsäglicher Mühe das Heer wieder
in Zucht und Ordnung gebracht, als er es an den Anblick der
schrecklichen Gestalten gewöhnt, als er mit kluger Benutzung der
Umstände erst die Teutonen bei Aquä Sertiä 102, dann die Cim¬
bern auf den raudischen Feldern bei Vercelli 101 geschlagen und
vernichtet hatte, da konnte man nicht müde werden, ihn zu preisen, da
hieß er der Retter des Vaterlandes, der dritte Stifter der Stadt, da
wollte man ihm als einem rettenden Gotte Speis- und Trankopfer
bringen, und die fünfmal hinter einander ihm übertragene Consul-
würde schien kaum genügend, um ihm den Dank des geretteten Rom's
zu beweisen.
Aber wie wenig hatte diese Schreckenszeit für die sittliche Hebung
der Römer ansgetragen. Zwar ihre Heere, ihr Kriegsmuth, ihre sol¬
datische Kraft erscheinen von jetzt an wieder in einem ganz andern
Lichte, und man erkennt die alten Sieger des Erdkreises wieder. Aber