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ein. Die Noth wuchs mit jedem Tage, und Friedrichs Kummer wurde immer
größer. Der alte Ziethen aber, ein eben so großer Glaubens- als Kriegsheld,
und voll festen Gottvertrauens, tröstete den gebeugten König: „Der alte Gott
lebt noch; der streitet für uns und läßt uns nicht sinken. Es wird Alles noch
ein gutes Ende nehmen." Und wirklich! Vergebens versuchten die mächtigen
Feinde, das preußische Lager zu stürmen. Sie mußten endlich aus Mangel ag
Proviant abziehen. Friedrich war befreit und bezog seine Winterquartiere. Bald
darauf bemächtigte sich Laudon der Festung Schweidnitz (1. Oktober 17(*I),
und Kolberg mußte sich den Russen ergeben (10. Dezember 1701). Schlesien
und Pommern schienen für Friedrich verloren. Dagegen hatte Prinz Heinrich
Sachsen glükklich vertheidigt und Ferdinand von Braunschweig kühn die französische
Armee zurükkgehalten.
Friedrichs Lage wurde immer bedenklicher. Fast ohne Mittel, den Krieg
fortzusetzen, ohne Aussicht auf eine glükkliche Zukunft, voll trüber Ahnungen
und banger Zweifel, aber dennoch stark durch seinen Muth und durch die
unerschütterliche Begeisterung seiner nur noch kleinen Armee für seine Person
und für Preußens Ehre, ging der König dem kommenden Jahre entgegen. Sein
Untergang schien ihm und den Feinden gewiß zu sein. Da griff plötzlich die
mächtige Hand des Herrn ein: Die Kaiserin Elisabeth von Rußland,
Friedrichs erbittertste und mächtigste Feindin, starb (5. Januar 1702). Ihr
Nachfolger, Peter III., schon längst ein begeisterter Freund und Bewunderer
unseres Heldenkönigs, ließ augenblikklich ab vom Kampf und schloß Frieden
(5. Mai 1702). Die preußischen Kriegsgefangenen wurden ohne Lösegcld
entlassen, alle Eroberungen zurükkgegeben und noch 20,000 Mann russische
Hülfötruppen dem Könige zur Verfügung gestellt. Vierzehn Tage nachher
(22. Mai 1702) schloß auch Schweden, durch Peter III. veranlaßt, Frieden.
Friedrich eilte nun nach Schlesien gegen die Oestreicher, schlug sie bei
Burkersdorf (21. Juli 1702) und eroberte Schweidnitz (!). Oktober 1702).
Prinz Heinrich bereitete ihnen nachher noch eine sehr empfindliche Niederlage in
der blutigen Schlacht bei Frei b erg in Sachsen (20.Oktober 1702). Der Herzog
von Braunschweig tummelte sich immer noch wakker, ruhmvoll und siegreich mit
den Franzosen herum, hatte Eassel erobert (1. November 1702) und trieb sie
nun vor sich her, um sie über den Rhein z» werfe»; — da schloß Frankreich
mit England und Preußen Frieden. Maria Theresia bot gleichfalls die Hand
zum Frieden. Derselbe wurde denn auch wirklich an, 15. Februar 1703 auf
dem sächsischen Jagdschlösse Huberts bürg abgeschlossen und jener sieben¬
jährige Krieg beendigt, der so viele deutsche Länder verwüstet, so viele
Menschenleben gekostet hatte. Preußen behielt sein schönes Schlesien und verlor
auch nicht einen Fuß breit Laud. Friedrich aber hatte die Welt mit dem Ruhme
seines und seines Volkes Namen erfüllt und unser Königreich in die Reihe
der Hauptmächte Europas gestellt. Am 30. März ( 1703) spät Abends traf der
geliebte Fürst in Berlin ein, entschlüpfte auf einem Seitenwege all der für ihn
bereiteten Pracht und eilte bald darauf nach Charlottcnburg. Hier beschicd er
seine Sänger und MrHker und befahl, zu einer. gewissen Stunde das Loblied:
„Herr Gott, dich loben wir" in der Schloßkirche asizustiiìimcn. Man glaubte,
der ganze He>f werde dabei erscheinen; aber nein: der König kommt ganz allein,
setzt sich nieder, winkt, und die Musik nimmt ihren Anfang. Und als nun
mit durchdringender Kraft das Loblied ertönt: da. sinkt der große König auf. seine
Kniee; Thränm rollen ihm über seine Wangen, und erbringt dem allmächtigen
Gott seinen stillen Dank, Kein Auge in der Kirche blieb trokken,' und Jeder
betete in der Stille mit, Gott lobend und dankend für seine überschwängliche
Hülfe und Gnade. '
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