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Title:
Lesebuch zur Geschichte der deutschen Literatur alter und neuer Zeit
Persons:
Weber, Georg
PURL:
https://gei-digital.gei.de:443/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:0220-gd-20101872
<br> 402 Neudeutsche Literatur. <br> den Bergsee hinein, um diese biegen wir uns Eilig geschah, was Torger <br> vorschlug, und eine dunkle Masse, mit Schnee bedeckt, kaum erkennbar, erhob <br> sich in der Finsterniß. Hier bleiben wir! rief Torger aus, band die Schnee⸗ <br> schuhe ab und öffnete eine Thüre, die in einen finstern Raum hinein führte. <br> Schuͤell ward Feuer geschlagen, ein Wachslicht aus dem Mantelsacke gezogen <br> Uund angezündet, und jetzt sahen sie sich in ein Rauchhaus versetzt. In der <br> Mitte des engen Raumes stand ein Heerd, das Dach erhob sich kegelförmig <br> über diesem und endigte in den Rauchfang. Die Ermüdeten fanden nichts <br> in der Mitte, als rechts an der Wand eine lange Bank und links ein Bün— <br> del leichtes Holz, welches, schnell entzündet, mit einer starken Flamme auf⸗ <br> loderte, während der Rauch den obern Raum einnahm und zum Rauchfange <br> hinausdrang. <br> Es war Mitternacht geworden; die Ermüdung nach einem so ange— <br> strengten Tage war durch die unerwarteten Greignisse nur gewaltsam zurück⸗ <br> gedrängt und kehrte jetzt stärker zurück. Das Gespräch war einsilbig. Man <br> fachte das Feuer von Neuem an, legte Bretter nebeneinander als Lager, be— <br> deckte Gesicht und Hände mit einer wollenen Decke aus dem Mantelsack, als <br> Schutz gegen die Mäuse, und bald verfielen beide auf dem harten Lager in <br> einen festen Schlaf. <br> Ab sie erwachten war, es schon heller Tag. Der Himmel war heiter; <br> ohne Verzug brachen sie auf, eilten durch bekannte Gegenden und erreichten <br> bald die bewohnten Thäler. Als sie in die Nähe der Höfe kamen, war Alles <br> in Bewegung. Die Breschflegel schallten aus allen Scheunen, Wagen brach⸗ <br> ten Holz aus den Waldungen, Mägde und Knechte waren beschäftigt, und <br> wer dieses bewegliche Leben mit der gewöhnlichen Ruhe verglich, mußte wohl <br> bemerken, daß Zubereitungen zu etwas Ungewöhnlichem stattfanden. <br> In Norwegen ist auf dem Lande das Weihnachtsfest das größte und <br> wichtigste häusliche Fest. Vierzehn Tage lang dauern oft die Lustbarkeiten <br> unumerbrochen und während dieser Zeit werden nur die nothwendigsten Ar⸗ <br> beilen verrichtet. Knechte und Mägde feiern, alle Häuser stehen allen Be⸗ <br> kannten offen. Es ist der Karneval der Nordländer. <br> Es ist die Mitternacht, wie der Geschichte, so der Natur, die den wer— <br> denden Tag verkündigt. Die Eskimaux versammeln sich, wenn die Sonne <br> berschwindet, heulend und an ihrer Wiederkehr verzweifelnd. Der Norweger <br> sieht den keimenden Frühling in der Mitte der finstersten Erstarrung und <br> seine Hoffnung wächst mit den Tagen. Dann keimt die Liebe in allen Her— <br> zen; die Armen werden beschenkt, die Arbeiter ruhen aus, von den gesammel— <br> n Guͤlern wird der Ueberfluß freudig einem Jeden mitgetheilt; selbst für <br> die Vögel wird gesorgt und in diesen Tagen Gerste und Hafer bündelweise <br> auf hohen Stangen auf den Feldern für die Sperlinge ausgesetzt. <br> Mit freudigem Eifer bereitet man Alles zu diesem lieblichen Feste vor <br> und der harte Frost, der die Südländer in die Häuser verschließt, eröffnet die <br> Verbindung entfernter Thäler. Die Schlitten jagen auf allen Wegen, auf <br> Schneeschuhen eilt die Jugend über das Gebirge, und eben um diese Zeit <br> sehen sich entfernte Freunde, wie im Süden im Sommer. <br> Hoftun war der Hof, den die Freunde gegen Mittag erreichen wollten. <br> Ein Geschrei der Freude ertönte laut von allen Einwohnern, als sie den <br> lange Vermißten wieder sahen. <br> 2